Hurts – Happiness

Die meistverkauften Singles des Jahres 2010 in Deutschland stammen von Shakira und Lena. Die zweite Jahreshälfte dominierte jedoch ganz eindeutig Hurts „Wonderful Life“. Der Song einte in gehörigem Maße Pop- und Indie-Hörer, war aufgrund seines Erfolgs aber natürlich auch gleich Hype-, Ausverkaufs- und Peinlichkeits-Vorwürfen ausgesetzt. Nichtsdestotrotz verführte er den Rezensenten zu einem spontanen Kauf des Albums – ohne Probehören. Auch der gnadenlose Wham-Abklatsch, der dieser Tage als Non-Album-Weihnachtssingle erscheint, hätte dies vollkommen gerechtfertigt.

Hurts präsentieren auf „Happiness“ einen absolut unzeitgemäßen, romantisch verklärenden, abwaschbare Traurigkeit transportierenden Synthie-Pop, der klingt, als sei er per Zeitmaschine aus den 1980ern ins Heute gereist. Die Songs durchströmt genau der Kitsch, der mit 80er-Fetenhits-Scheiben verbunden werden kann. Das Schlimme – oder Schöne – daran ist: es gefällt im Grunde. Die musikalische Inszenierung der Songs ist nach Pop-Maßstäben einfach perfekt; die Spannungsbögen passen, die Synthesizer, Streicher, Gesang, Backgroundvocals, Hall, zarte Pianoklänge, akzentuierende Bassdrum und all die anderen Bestandteile verbinden sich voller Harmonie zu einfach schön bombastischen Popsongs. Insofern ist die Single durchaus beispielhaft für das Album, jedoch werden die meisten weiteren Stücke des Albums noch überbordender inszeniert, fehlt ihnen häufig das sofort Ansprechende. Dies liegt nicht zuletzt darin begründet, dass manches hier deutlich energischer arrangiert ist, die Emotionalität nicht einfach ein Bestandteil ist, sondern dem Hörer quasi ins Ohr geprügelt wird (z. B. „Stay“, „Evelyn“).

Tatsächlich befindet sich der – oder zumindest dieser – Hörer bei jedem neuerlichen Hören in einem Spannungsfeld aus Begeisterung aufgrund der mitreißenden Emotionalität, der ungemein kreativen Arrangements, der perfekten Poppigkeit, der anachronistischen Kitschigkeit und einer peinlichen Berührtheit, wie grauenvoll kitschig das doch sei, wie kalt und herzlos, wie austauschbar hier Gefühl vorgetäuscht wird. Diese Kälte, die sich zum Beispiel als Eindruck einer maschinellen Fehlerfreiheit manifestiert, wird besonders deutlich, wenn „Happiness“ über eine gute Anlage gehört wird. Dann klingt das Album wie ein mit Photoshop manipuliertes Magazin-Cover, für das dem Objekt der Aufnahme jeder kleine Makel, jede sympathische Unreinheit entfernt wurde. Hurts „Happiness“ wirkt also auf eine unmenschliche Weise perfekt. Dieser Eindruck dominiert über die durchaus positiven Eindrücke, die wunderbaren Songs. Es soll schon vorgekommen sein, dass der Hörer sich ekelte nach dieser keimfreien Inszenierung.

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