Kammerflimmer Kollektief – Wildling

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Musik – und was folgt, ist eine Plattitüde – ist meist mehr als die Summer der einzelnen Teile. Bass, Gitarre, Schlagzeug mögen einzeln noch so großartig sein, erst im Zusammenspiel ergeben sie in der Regel das, was uns so am Herzen liegt. Selten scheinen die Einzelteile so prägnant auf, wie in der Eröffnung des neuen, auf Staubgold erscheinenden, Kammerflimmer-Kollektief-Albums „Wildling“.

„Move Right In“ heißt dieser erste Song und widerspricht seinem Titel doch. Kein forsches Voranschreiten ist hier zu hören, vielmehr werden wir ganz sacht und langsam aufgefordert einzutreten. Der Name trifft jedoch insofern, als er die Grundstimmung des Albums definiert, als er sofort gefangen nimmt mit der das Album bestimmenden Sanftheit, seiner melancholisch-hypnotischen Tiefe. Zu dieser instantanen Verzauberung trägt die außergewöhnliche Struktur des Stückes bei. Einerseits gilt das „mehr als die Summer der einzelne Teile“ selbstverständlich auch hier, zudem aber geben Heike Aumüller, Johannes Frisch und Thomas Weber jedem Instrument eine Freiheit, die es erlaubt, jeden Takt und jeden Ton einzeln zu bewundern und die dazu führt, dass jedes einzelne Phonon und Phon vermag, den Hörer hinweg zu tragen. Aumüllers Stimme oder Webers Gitarre versetzen uns winzige und doch hochwirksame Energieimpulse, während die Rhythmussektion langsam und träge eine Stimmung erzeugt, als befinde sich der Hörer in einem mehr oder weniger zähflüssigem Fluid. Mal tropft es auf uns herab, mal wirkt es eher elastisch.

In psychedelischen, editierten Improvisationen besteht der große Reiz von „Wildling“. Zwischen Jazz und Krautrock schafft das Kammerflimmer Kollektief ein ungemein wohlklingendes, das heißt poppiges Album, dessen Zauber nicht schnell nachlässt, das aber dennoch auch als eher leichte Begleitung taugt. Zwar halten nicht alle Stücke die ungemeine Intensität von „Move Right In“, aber hier von schwächeren Stücken zu schreiben, wäre eine Beleidigung. Auf gleich hohem Niveau befinden sich zum Beispiel das magische „Aum A Go-Go“ oder das monoton in eine Trance versetzende „Rotwelsch“. Dagegen erklingt „Spookin‘ The Horse“ als einfach zerbrechlich schöne Popnummer, und „Time Is The Fire In Which We Burn“ erhebt sich, von Johannes Frischs Kontrabass getragen, bedrohlich verzehrend, eine Stimmung, die sich erst im nachfolgenden „Cry Tuff“ auflöst. Erwähnt Poppiges und die düstere Magie verbinden Kammerflimmer Kollektief in „We Paint The Town Beige“. Im Zentrum des Albums steht jedoch das dreizehnminütige „In Transition (Version)“, das in seiner schieren Dauer, Intensität und auch in seinen schwächelnden Momenten „Wildling“ in kurzer Form zusammenfasst. Die stille Einfachheit der klar nebeneinander stehenden Instrumente, die Bedeutung, die jedem einzelnen Klang hier beigemessen wird, all dies macht aus „In Transition“ den Anker des Albums und aus „Wildling“ als ganzem ein stilles, in kurzen Momenten auch mal ermüdendes, aber nahezu durchgängig faszinierendes Puzzle voller klanglicher Schönheit.

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