Jahcoozi – Barefoot Wanderer

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Alles beginnt und endet. Der Anfang hier, also die ersten Takte auf „Barefoot Wanderer“, dem dritten Jahcoozi-Album, könnte eine durchproduzierte karibische R’n’B- oder Dancehall-Platte eröffnen. Der dubbige Bass, der folgt, jedoch …

Das Ende wiederum besteht aus langgezogenen Tönen, auf Tontöpfen erzeugt, aus strukturiertem Störgeräusch.

Dazwischen präsentiert das multinationale Trio ein am Bass geführtes Album. In weiten Zügen dominiert der erwähnte dubbige Klang, der in Kombination mit Sasha Pereras hypnotischem Gesang das Album erdet – so zu hören im treibenden, das Album eröffnenden „Barefoot Dub“, dem verschleppten „Zoom In Fantasize“ und dem stark jamaikanische Züge tragenden „Lost In Bass“.
Das ist weniger Dubstep, zehrt jedoch aus den gleichen Wurzeln.

Dazwischen schiebt sich überraschend, scheinbar unpassend und irgendwie ganz natürlich digitaler Hardcore-Hiphop („Powerdown Blackout“ mit Anti Pop Consortiums M. Sayyid). Es folgen atmosphärisch dichte, mystische Stücke wie „Speckles Shine“, das TripHop ist und dank der konkreten Bass- und Beat- Inszenierung doch weit darüber hinausreicht oder das latent nervige, Mittel des Eurodance nutzende „Read The Books“ inklusive kultureller Botschaft.

Vor allem aber finden sich „Msoto Millions“, „Barricaded“ oder „Close To Me“. Ersteres ist eine Kooperation mit den Kenianern von Uko Flani, die eher klassischen Dancehall mittels massivster Bässe um einige Etagen tieferlegt. „Barricaded“ formt dank Sasha Pereras und Barbara Panthers Gesang eine melancholisch hypnotische Reise von Avantgarde-Alternative zu Pop Marke Björk zu jazzigem Drum’n’Bass und bleibt so immer eigen. Einigermaßen anachronistisch erscheinend gehört es zu Höhepunkten auf „Barefoot Wanderer“. Ein weiteres Highlight ist sicherlich die The-Cure-Interpolation/-Aneignung „Close To Me“, die in ihrer Verbindung aus Altem und Neuem, in ihrer mentalen und musikalischen Beweglichkeit vielleicht als typisch für Jahcoozi stehen mag. Zudem ist es der offenkundigste Hit des Albums, der ohne Umstände auch über die Bassliebhaber-Szenegrenzen hinaus zünden kann.

Das Ende bildet das mit Oori Shalevs Tontöpfen bereicherte „Wasteland“, in dem die drei Wahlberliner mit Deutsch-Sri-Lankisch-Israelischen Ursprüngen einen Hang zu intelligenter elektronischer Musik in Warp-Tradition offenbaren und eine düstere, durchaus an Flying Lotus gemahnende Klangkulisse schaffen. So verlässt der Hörer diese barfüßige Wanderung nicht leichten Herzens.

Es ist verwirrend, wenn einfach nicht nachvollziehbar erscheint, wieso ein Stück Musik, ein Album gefällt, aber so ergeht es mit „Barefoot Wanderer“. Jahcoozi und Gäste eignen sich einmal mehr alles an, was um sie herum stattfindet, verfeinern es und geben es uns zurück. Sie schaffen ein Album, das eigentlich mehr einer Radiosendung zum Thema britischer Bassmusik, britischer Verschmelzung von HipHop und Dancehall ähnelt, das also im Prinzip äußerst heterogen ist, das einen aber vor allem durch die kontinuierliche, homogene Gestaltung von Bass und Beats heimisch fühlen lässt. Es nimmt den Hörer tatsächlich an der Hand und fordert ihn auf, barfuß diese organischen, rhythmischen Landschaften zu durchschreiten.

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