Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht

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Die kollektive Artikulation einer Befindlichkeit an einem Ort, zu einer Zeit, ohne die Schranken einer nationalen oder zeitgeschichtlichen Fessel. Die Diagnose von Tatsachen ohne anzuklagen, ohne Lösungen zu propagieren, allein um Denken anzuregen. Das sind die Goldenen Zitronen gewesen, sind sie heute.

Sprache und Musik stehen auf „Die Entstehung der Nacht“ einmal mehr nebeneinander und bilden so eine umso stärkere Einheit in der Aussage. Seien es Ted Gaiers, Schorsch Kameruns oder Julius Blocks Texte, seien es die Gäste Michaela Melián (F.S.K.), Melissa Logan (Chicks On Speed) oder Mark Stewart, die Artikulation der Texte durch Kamerun und auch die Gäste hat eine theatralische Komponente, einen Charakter der monologischen Rezitation. Der Vortrag der Texte ist das inszenierte, leitende Instrument. Es steht in der Mitte und alles andere legt sich in all seiner Intensität darum, strebt gegen diese Zentralposition. Die Kraft dieser Gegenseite, dieser den Text angehenden oder begleitenden Musik, die hier eher selten ihren Druck aus Gitarren zieht und wenn, dann eher aus einer Gitarrennutzung, wie sie die Monks pflegten – diese Vehemenz der Musik verdeutlichen am deutlichsten die beiden instrumentalen Stücke. Als Erholungspause vom Denken deutbar, geht das Titelstück den Hörer umso energischer emotional an und zehrt da ganz offenbar von relativ jungen Klangkonstrukten aus TripHop und Dubstep. Das abschließende „Der Flötist An Den Toren Der Dämmerung“ hingegen tritt durchgängig verspielt und zum Aufbruch blasend auf, hält aber eine ungeheure Spannung, die den Hörer eine Klimax fürchten lässt.

Die Schwere, die Dynamik und Passion der Musik reflektiert das relative Unwohlsein im Hier und Jetzt. Dessen Andersgeartetsein im Vergleich zur, sagen wir, Zeit des Albums „Economy Class“ ist wiedergegeben in der Unterschiedlichkeit der Musik. Könnte „Aber Der Silbermond“ eins zu eins auf dem Spät-Kohl’schen „Economy Class“ zu finden sein, steht die vielschichtige, meist zwischen Krautrock, Filmmusik und technoider Rhythmik changierende Musik, welche die „Entstehung Der Nacht“ prägt, eindeutig im Heute, ohne dabei aber eben ihre Relevanz nur aus dieser Verortung zu beziehen. Hinzu gesellen sich das einzig wirklich wüst rockende „Lied Der Medienpartner“, der mystifizierte Manchester-Rave „Drop The Stylist“ mit Mark Stewart am Mikrofon und die Aneignung des Hippiefolks „Beautiful People“, die von Michaela Melián vorgetragen wird.

Während linke Szene-Befindlichkeit in öffentlichen Statements heute häufig eine redundante, eine anachronistische und eine unehrliche Wirkung haben mögen, schaffen Die Goldenen Zitronen mit „Die Entstehung Der Nacht“ ein ausgesprochen relevantes und wahres Album, dessen musikalische Form wie sein textlicher Inhalt als Kommentar, als wirkliche und wichtige Erzählung des Jetzt gelesen werden können und sollen, das aber eben weder um Zustimmung ringt noch einfach nur das artikuliert, was die Zielgruppe eh schon zu wissen meint. „Die Entstehung Der Nacht“ ist ein Album zur Förderung des Denkens, nicht zur Evaluierung und Festigung eines Status Quo. Dass dies als meisterlich inszenierte Musik, als in seiner speziellen Art wohlklingendes Theater auftritt, fördert nur noch den Wert.

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