Syntaks – Ylajali

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Moderne Literatur solle als Hauptthema die Verwicklungen, die unverständlichen Details des menschlichen Geistes haben, forderte Knut Hamsun vor mehr als hundert Jahren. Er selber wollte das „Flüstern des Bluts und das Begehren des Knochenmarks beschreiben“. Wenn Musiker dieser Tage eine solche Forderung an ihre eigene Arbeit stellen, beziehungsweise behaupten lassen, sie würden genau dies mit ihren Stücken umsetzen, ist das in jedem Fall größenwahnsinnig. Wird zudem der Bezug zu Hamsun und seinem Roman „Hunger“ noch im Titel aufgegriffen wie im vorliegenden Fall bei Syntaks Album „Ylajali“ – Ylajali heißt die Sehnsuchtsfrau des Ich-Erzählers in erwähntem Roman Hamsuns –, steht zu befürchten, es werde sich um eine ziemlich verkopfte Angelegenheit handeln. Es sei denn, …

Verlangen, Wehmut, Illusionen. All dies dringt aus den Tönen des Albums „Ylajali“. Syntaks gelingt es, mit ihren atmosphärischen Klanggebilden alle sensorischen Nervenzellen zu erreichen, sie dringen tief ein in Knochen und Blutgefäße. Kurz gesagt, ihnen gelingt in der einzig möglichen Weise das, was sie sich mit Hamsuns Leitmotiven als Ziel gesetzt haben.

Synthesizer, Perkussion durch rhythmische Instrumente wie durch reine Klangeffekte, vokales Hauchen und Surren, möglicherweise einzelne Wortfetzen, aus diesen Mitteln erzeugen Jakob Skøtt und Anna Cecilia düstere, klangliche Steppenlandschaften, gelegentlich glühende, meist aber eisige Wüsten, deren Weite der Hörer kaum zu erfassen vermag. Einfache bis einfachste Melodiefolgen entfalten sich, wiederholen sich in konsonanter Gleichtönigkeit. Immer wieder erscheint Einzelnes leicht schräg, gibt sich die Musik scheinbar unvollkommen. Es knarrt wie verfaulende Dielen, um im nächsten Moment die strahlende Perfektion eines Eispalastes zu verströmen.

Syntaks Musik auf „Ylajali“ besitzt einen ausgesprochen fragilen Grundcharakter, in dessen stiller Sanftheit jedoch eine ungemeine Kraft wohnt. Ohne wahrnehmbaren Aufwand, ohne dass die Entwicklung dem Hörer nachvollziehbar wäre, steigert sich der zarte Hauch zu einem düsteren Gewittersturm. Andernorts wieder ist die Musik wie eisige Winterluft. Der Atem gefriert im vor den Mund gebundenen Schal. Die Bewunderung unberührter Schönheit aber lässt die empfundenen physischen und psychischen Schmerzen vergessen. Die letzte Feuchtigkeit in der Luft fällt als Eiskristalle aus, in denen sich wiederum die trübe Sonne bricht. Alles glitzert in unerbittlicher Klarheit. Irrend bewegt sich der Hörer durch die frostige Wohlbehaglichkeit dieser vertonten Winternacht, dieser klanggewordenen Herausforderung der Natur an den Menschen. Im – kaum wahrgenommenen – Leiden verschmelzen tatsächlich Vorstellung und Wahrnehmung. Körperlich wie seelisch isoliert wirkt diese Musik wie Mangel oder Überdosis an Hormonen oder Nährstoffen, die sich jeweils wellenartig im Körper ausbreiten. Am Ende, am allerletzten Ende, ist alles ein einziger Strahlenkranz, aus dem die Musik erklingt, in den der Hörer sich bewegt.

Ambient oder die ambiente Seite des Dream-Pop ist vielleicht die Form der modernen U-Musik, die am häufigsten bei Hörern ein Gefühl der Langeweile auslöst. Umso erstaunlicher ist es, in welcher stilistischen Vielfalt, mit welcher Stärke sich das Genre zu zeigen vermag, welche Qualität gerade diese Spielart der Musik dieser Tage zu präsentieren vermag. Neben den minimal technoiden, elektronischen Entwürfen, die A Sight Below mit seinem Album „Glider“ zu Jahresbeginn präsentierte, und Kreidlers schwer durchdringbarem Meisterwerk „Mosaik 2014“ ist „Ylajali“ der Dänen von Syntaks eine dritte Genreperle. Aufgrund ihrer emotionalen Stärke und ihrer Zugänglichkeit übertrifft sie in der Tat Kreidlers Labyrinth noch und schließt auf zu „Glider“ als zweiter grandioser Entwurf aus dem Hause Ghostly International im Jahre 2009.

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