Jimi Tenor & Tony Allen – Inspiration Information 4

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Afrikaner kommen nach Amerika. Afrikaner machen Musik. Musik wird von den Weißen aufgegriffen, assimiliert und weich gespült. Weiße kommen nach Afrika, bringen ihre Musik mit, die ursprünglich von dort kam. Afrikaner hören die Musik und verbinden sie mit eigenen Rhythmen. Diese Musik reist wieder in weiße Breiten und Länder, und der Kreis beginnt von vorn. Heute befindet sich diese Endlosschleife in ihrem siebten oder achten Umlauf. BLK JKS, Vampire Weekend, Buraka Som Sistema, Diplo, The Very Best und viele andere mehr, sie alle haben Teil an der aktuellsten Verschmelzung von westlichem, im Prinzip weißem Pop und afrikanischen Klängen. Viel Lob gebührt zudem den Machern diverser Kompilationen wie zum Beispiel „Nigeria 70: Lagos Jump“ aus dem Jahr 2008.

Die Freude von Jimi Tenor an der Polyrhythmik Afrikas, am Verschmelzen von Funk und Jazz und originär afrikanischen Klängen ist nicht erst seit seinem Album „4th Dimension“ Anfang 2009 bekannt. Tony Allen wiederum gilt nicht ohne Grund als einer der besten Schlagzeuger, zehrt aber ebenso von seiner Vergangenheit als Rhythmusgeber bei Africa 70. Treffen diese beiden nun aufeinander, wie im Rahmen der vierten Ausgabe der „Inspiration Information“-Reihe, ist dies ein Geschenk der Götter. Dass Tenors Freunde von Kabu Kabu ebenfalls beitragen, ist nur ein zusätzlicher Bonus.

Allens Schlagzeugspiel und das bei allen Beteiligten vorhandene Gespür für die nötige Spannung in teils recht exzessiven Rhythmus-Jams und die Begeisterung an aufgeheiztem Funk wie an querlaufenden, sich widersprechenden Klängen machen aus diesem Album in erster Linie einfach eine logische Fortsetzung von „4th Dimension“. Zudem aber erscheinen die Stücke sowohl zugänglicher als auch noch einmal fesselnder. Basierend auf einer zunächst recht kurzen gemeinsamen Studiozeit, in der schnell eine familiäre Stimmung herrschte und die Musiker sich dem Fluss der Rhythmen hingaben, ist „Inspiration Information 4“ eine mitreißende, eine hitzige, eine hektische Platte, deren Reiz sich sofort erschließt. Die ursprünglichen langen Improvisationen der Aufnahme-Sessions wurden von Tenor zusammengekürzt, ohne dabei die Energie, die Faszination, das Leben zu verringern, die den Stücken innewohnen. Der abschließende, dreizehnminütige Freistil mit seinen nicht enden wollenden Beat-Kaskaden und -Spiralen steht zwar relativ allein, repräsentiert aber doch den Grundcharakter, der allen Stücken des Albums eigen ist. Die allem innewohnenden Eigenschaften sind einerseits die rhythmische Komplexität und andererseits Tenors Liebe zu freiem Jazz und seiner poppigen Imitation. Das allgemein Zugängliche zeigt sich am ehesten im karibischen „Selfish Gene“ und das traditionelle Afrikanische in „Sinuhe“. Dagegen ist „Path To Wisdom“ eine dystopische Abrechnung mit der Zeit des „Wir können was ändern“, „aber das wollen wir ja gar nicht“, ein musikalischer Kommentar, der einen repetitiven Sog besitzt, der vollkommen verschlingt. „Mama England“ wiederum ist in pure Lebensfreude gekleideter Spott.

Während zum Beispiel Vampire Weekend das afrikanische Element in guter alter Tradition allein vereinnahmen und weichspülen, um so ihren Pop interessanter zu gestalten – was ihnen ausgesprochen gut gelingt – stehen sich hier gleichberechtigt der Aneigner Jimi Tenor und der „ursprüngliche Schöpfer“ Tony Allen gegenüber und erkunden, was aus den eigenen Genen für ein neuer Phänotyp entstehen kann. Das Ergebnis ist nicht revolutionär, aber es präsentiert beide Welten, das harmonisch Tanzbare von Tenor und Allens verschmelzende Rhythmen, in ihrer Interaktion als sich perfekt ergänzend und schafft so einen wahren Hochgenuss.

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