Fantas Schimun – Variationen über die Freiheit eines Anderen / Der Himmel ist Blau – Ein Alptraum in Stereo

am

Wenn der Musiker sich nicht der süßlichen Ekelhaftigkeit des Pop hingeben will, zieht es ihn zum Experimentellen, zum Avantgardistischen, zum Künstlerischen und – übertrieben formuliert – zum Unhörbaren. Hört man Fantas Schimuns Doppelalbum „Variationen Über die Freiheit eines Anderen & Der Himmel Ist Blau – Ein Alptraum in Stereo“ in der falschen Reihenfolge, das heißt, beginnt man mit „Der Himmel Ist Blau“, so trifft die letzte – die übertriebene – Beschreibung zu. Dieser Stereo-Alptraum ist tatsächlich in mancher Hinsicht unhörbar, denn das künstlerisch mit Sicherheit wertvolle Hörspiel um den Wahnsinn der Versprechungen der Werbung und eine Reise zum Mars ist in Gänze nicht ertragbar. Aber auch hier versteckt die Berliner-Wienerin Fantas Schimun das ein oder andere zerbrechlich-verstolperte Pop-Folk-Blues-Experimental-Schmuckstück. Nichtsdestotrotz bestimmt diesen „Alptraum“ tatsächlich der Alptraum der klanglichen Kunst. Glücklicherweise geht dieser späteren Hälfte des Albums die erste voraus, die so, in falscher Reihenfolge gehört, um so mehr glänzt.

Die „Variationen Über die Freiheit eines Anderen“ stehen zwar ebenfalls in einer Tradition des vom Pop Angeekelten und eigene Wege gehen Wollenden, verlieren aber in aller kreativen Vielfalt nicht den Wohlklang oder den Hörgenuss des Konsumenten, des Musikfreunds aus dem Blick. Zwischen der Einfachheit eines nahezu folkloristischen Ansatzes und Störgeräuschen, sowie zwischen einer angetäuschten Tanzbarkeit und dem Gospel „Everything’s Far“ bestellt Fantas Schimun das gesamte Feld der abstrahierten Popmusik. Sie gibt sich alle Mühe, weder zu unter- noch zu überfordern – ein Ansatz, der die Qualität des Albums nicht mindert, aber möglicherweise dazu führt, dass der Hörer es schneller vergisst, als es gewünscht ist und als die Stücke es verdient hätten. In ihrem Vorgehen steht Fantas Schimun primär in einer Reihe mit experimentellen Musikern des deutschen Pop aus den 1990er Jahren von Laub bis Quarks. Diese Reihe führt im Jahr 2009 direkt zu Soap&Skin, ihrer Landsfrau. Dieser letzte Vergleich passt jedoch nicht vollkommen. Zum einen erscheint „Variationen“ zugänglicher oder weniger progressiv als Soap&Skins „Lovetune For Vacuum“, zum anderen aber sind Fantas Schimuns Brüche in der Musik abstrakter, weniger natürlich, nicht so harmonisch, wie jene bei Anja Plaschg. So ist „Variationen Über die Freiheit eines Anderen“ ein herkömmlicheres Popalbum, dessen Brüche und Trans-Pop-Elemente gezwungener erscheinen. In seiner Verwandtschaft zu Laub und Quarks überzeugt es dennoch ungemein, wenn nicht schon alleine seine zarte, zerbrechliche, seine bezaubernde, einfache Schönheit ausreichen, um den Hörer zu gewinnen.

Advertisements