Chromeo – DJ Kicks

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Die letzten Tage der Disko, besser „the Last Days of Disco“, sind wohl doch noch nicht vorbei. Zumindest, wenn Chromeos DJ Kicks als Maßstab gelten soll. Die beiden Frankokanadier David Macklovitch (oder Dave 1) und Patrick Gemayel (oder P-Thugg) dürfen sich nach (unter anderem) BookaShade, Terranova, Kruder & Dorfmeister, Erlend Øye oder Hot Chip der wohl etabliertesten DJ-Mix-Compilation widmen.

Die Chance gern annehmend gehen sie in die Vollen und präsentieren eine Sammlung heute und hier kaum noch bekannter Stücke. Nach Kanos „Ikeya-Seki“ als Eröffnungshymne geht der Tanz los. Erst später wird das Tempo – oder besser, der Funk – langsam gedrosselt, der Konsument lässt sich chillend in die Sessel des Studio 54 sinken und fühlt sich einfach wohl. Weder in der zweiten, zurückgelehnten noch der von einem stetigen Funk durchzogenen ersten Hälfte hauen Chromeo unnötig auf die Pauke. Vielmehr lassen sie allein die Musik ihrer Kollegen und Vorbilder oder zumindest Vorgänger sprechen, um zur rhythmischen Körperbewegung zu animieren.

Als geborene Plattenkisten-Durchwühler stört es die beiden von Chromeo kein Stück, wenn sich der eine oder andere hier an eine ultimative Chartshow erinnert fühlt. Kitsch- und Trashcharakter manch eines vertretenen Hitradio- oder One-Hit-Wonders fallen kaum auf in der schlüssigen Aneinanderreihung, in dieser funkgeschwängerten Aufzählung von purer Tanzmusik. Das gilt hierzulande natürlich umso mehr, als manch eines der Stücke hier noch weniger bekannt sein dürfte als auf dem nordamerikanischen Kontinent oder auch nur in Kanada. Um Gefallen an dieser Sammlung zu finden, um sich großartig unterhalten zu lassen von Stücken wie dem latent-schmierigen Space-Soul „Maybe Tonight“ von Lovelock, Soupirs ehemals futuristisch wirkendem „Larmes De Metal“ oder dem Kinderpop von Carmen namens „Time To Move“, bedarf es tatsächlich nur eines winzig kleinen Hangs zu Soul, Funk, Disco und Italo. Diesen Hang besitzen sicher die jüngeren Künstler von heute, die Chromeo auftreten lassen. So überzeugt neben den Disco-Hits von Pierre Perpall oder France Joli zu Beginn sicherlich Chateau Marmonts „Solar Antapex“ in seiner orgelnden Sci-Fi-Atmosphäre mit am meisten. Chromeo selbst präsentieren ihr Eagles-Cover „I Can’t Tell You Why“ und reihen sich damit ganz unauffällig ein in diese populär-archäologische Rundreise, die mit „Pipeline“ vom Alan Parsons Project perfekt endet. Außer zu unterhalten, werfen Macklovitch und Gemayel mit ihrer DJ Kicks – vielleicht nicht beabsichtigt – auch die Frage auf, wie der Trash, der Kitsch, all das Hassenswerte in den Charts in zehn, zwanzig, dreißig Jahren wirken wird. Werden wir es immer noch hassen, werden wir es plötzlich lieben – und nicht nur sentimental verklärt – und was wird die nachfolgende Generation dazu sagen? Egal wie, die Mischung dieser DJ Kicks aus billigen Drumcomputern und analogen Synthesizern, aus kitschigen Keyboards und exaltiertem Gesang im Heute und im Früher ist ein erstaunliches Vergnügen, und überhaupt nicht peinlich.

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