The Very Best – The Warm Heart Of Africa

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Eine Auseinandersetzung mit „The Warm Heart Of Africa“, dem Debüt-Album von Esau Mwamwaya und Radioclit als The Very Best, ließe sich mit der Frage beginnen, ob der Hype um ihr 2008er Mixtape „… Are The Very Best“ bis heute trägt. Es könnte auch überlegt werden, was den Reiz an The Very Best ausmache, es handele sich doch im Grunde einfach um europäisierte afrikanische Folklore-Musik.

Einen dritten Anfangspunkt bilden Tony Allens Äußerungen in der Spex zu Vampire Weekends „Cape Cod Kwassa Kwassa“ und dessen Remix durch Radioclit. Diese beleuchten zudem das Grundproblem des Pops Marke The Very Best. Allen meint zusammenfassend: „Wir hören … eine amerikanische Band, die behauptet, High-Life zu spielen, während sie … Zulu Music spielt, und erst im Remix von Londoner DJs wird dann richtiger High-Life draus.“

Das erweitert die Frage, was an The Very Best reize, dahingehend, dass grundsätzlich die Ursache unklar ist für die Aufmerksamkeit, die ursprünglich afrikanische Musik in den letzten 24 Monaten genießt (The Very Best, Amadou & Mariam, Tony Allen, der „Nigeria 70“-Compilation und Afrobeat-Anklänge bei Vampire Weekend, Jimi Tenor und vielen anderen). Positive Globalisierung und multi-kulturelle Offenheit ließen sich als Antworten anführen. Ebenso pauschal und oberflächlich sei die subjektiv wahre Antwort aber: Das übersättigte, überreizte und überschlaue popkulturell interessierte (Indie-)Publikum sucht das Ungewohnte und umarmt es besonders herzlich dort, wo Gewohntes eingebunden wird. Dies geheimnisvoll Vertraute könnten ebenso gut J-Rock oder zeremonielle japanische Trommeln sein, wie es heute in Afrobeat oder weltumspannend in Ghettotech gefunden wird. Wo eine frühere Generation voll Freude lateinamerikanische Flötenspieler und arabische Oud-Virtuosen ins Herz geschlossen hat, begeistern sich die Kinder der 2000er an The Very Best, Buraka Som Sistema, Vampire Weekend oder M.I.A und feiern ihre Entdeckungen und die eigene Aufgeschlossenheit. Indessen sind sie eigentlich nur ebenfalls in der Weltmusik-Abteilung des globalen Plattenladens angekommen.

Was soweit als überlange Vorbemerkung erscheint, greift bereits alle Attraktionen des Albums auf. Konkretisiert finden sich Folklore, Afrobeat-Independent, Junktech wieder. Letzteres meint latent trashige Beats und Bässe, die in Maßen an Eurodance der 1990er oder 1980er Synthiepop erinnern. Mögen The Very Best ihren Stil selbst als „Ghettopop“ bezeichnen, der Gesamteindruck ist bestimmt durch die weltmusikalisch durchaus vertrauten, traditionell erscheinenden, aber hier hochglanzpolierten, afrikanischen Klänge. Die Politur besteht dabei eben aus Streicherklängen, Synthesizer-Flächen, Popbeats und Bass. Im Kern stehen sich in den Stücken des Albums jeweils zwei nahezu unabhängige Strukturen gegenüber. Zum einen ist da Esau Mwamwayas Gesang im malawischen Chichewa und die Songspuren, die seinen Einsatz akzentuieren und tragen. Das sind häufig Hall-Effekte und unterstützende Melodien und Rhythmen. Dem gegenüber stehen Backingtracks, die bis zu dreißig Jahre nord-westlicher Pop-Geschichte umspannen und von Synthie-Pop über House, Electro und Dub-Techno bis Nu-Rave reichen. Je mehr Esaus Hälfte die Stücke bestimmt, je Touristen-folkloristischer sie in ihrer euro-amerikanischen Aufbereitung bleiben, desto überzeugender gelingen sie in der Praxis. Anders herum formuliert klingt das Titelstück mit Vampire Weekends Ezra Koenig tatsächlich vornehmlich nach Vampire Weekend, und M.I.A.s „Rain Dance“ mag am ehesten als Enttäuschung genannt werden. Maya klingt reichlich uninspiriert und als kopiere sie Sasha Perera auf „Pure Breed Mongrel“, dem Jahcoozi-Debüt-Album aus dem Jahr 2005, bei dem wiederum diese (zu unrecht) mit M.I.A. verglichen wurde. Die Waage überaus gelungen hält dagegen „Chalo“, bei dem The Very Best überzeugend wie afrikanisierte OMD, Human League oder Yazoo erscheinen. Die traditionelle Hälfte bestimmt zum Beispiel „Nsokoto“, dessen Pop-Hälfte aus Tribal-House-Elementen besteht, und auch die beiden potentiellen Nu-Rave-Hymnen „Julia“ und „Kada Manja“ stellen Esau in den Vordergrund. Hält aber insgesamt der Hype? Natürlich nicht. Nichtsdestotrotz unterhält „The Warm Heart Of Africa“ großartig. Zumindest, solange man bereit ist, den Weltmusikzug zu nehmen.

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