Miss Platnum – The Sweetest Hangover

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Fragte man Pierre Baigorry aka Peter Fox, ob er Miss Platnum den gleichen Erfolg gönne, den er in den letzten 12 Monaten mit seinem Album „Stadtaffe“ hatte, würde er möglicherweise schlucken und sich um eine Antwort drücken. Immerhin fühlt er sich von den Folgen seiner Popularität in seiner Privatsphäre eingeschränkt. Zwar stellt sich die Frage im Blick auf „The Sweetest Hangover“ nicht wirklich, denn mit englischen Lyrics wird Miss Platnum wohl nie so durchstarten, wie es Baigorry im letzten Jahr tat, aber das Potential zu einer weiteren Eroberung der deutschen Popszene aus dem erweiterten Lager um Seeed besitzt Platnums neues Album allemal.

Allerdings braucht die Platte eine gewisse Eingewöhnungszeit. Wer im Zuge der Singles „Give Me The Food“ und „Come Marry Me“ vom Vorgänger-Album erwartet, ausschließlich die Verbindung von Dancehall und verwestlichten Balkan-Folklore-Anklängen zu hören, den belohnt prinzipiell die aktuelle Single „She Moved In“. Aber auch diese startet weniger direkt als die beiden Hits von „Chefa“. Wo also schon die bläserverzierten Tanzflächen-Hits reifer und weniger brachial daherkommen, wundert es nicht, dass sich mehr ruhigere Klänge finden, die Zeit brauchen, sich im Gehörgang einzunisten. Das tun sie dann umso effektiver.

Für die Produktion zeichnen weitgehend The Krauts (aka DJ Illvibe, Monk und Berger) verantwortlich und beweisen dabei ebenfalls eine deutliche Entwicklung. Anders als bei Boundzound oder auch noch Peter Fox besitzen die hier präsentierten Beats und Tracks internationale Wettbewerbsfähigkeit. Dies gilt insbesondere für „She Moved In“ und die recht offensichtliche sowie fantastische Justin-Timberlake-Kopie „Cumpletely Happy“. Auf diesem global tauglichen Niveau gehören beide zudem zu den Highlights des Albums. Auch „Fakebling“ gefällt auf hohem R’n’B-Niveau, ohne in den Verdacht zu kommen, Jay-Zs Darlings Beyonce und Rihanna Konkurrenz machen zu wollen. Dies wäre ja aber auch nicht zwangsweise ein Qualitätsmerkmal.

Zu den weiteren herausragenden Momenten gehört die Thriller-Jazz-Nummer „If You Were Mine“, die auf einen Schlag die Spannweite deutscher Popproduktionen in alle Himmelsrichtungen erweitert. Unter den ruhigen Nummern überzeugt „So Beautiful“ in seiner zarten Souljazz-Attitüde besonders. Es zählt sicher mit zu den besten Pop-Songs, die dieses Jahr bisher erschienen sind. Für die Balkan-Dancehall-Fraktion findet sich neben der erwähnten Single „She Moved In“ genug Material, darunter die Beziehungsabrechnung „Why Did You Do It“, das eher zurückgenommene „Where Did You Go Boy“ sowie „Drink Sister Drink“ und „I’m Broke“. Weiter erwähnenswert ist das Cover von Kate Bushs „Babooshka“, das Miss Platnum sich voll und ganz einverleibt.

Ein wachsendes Album. Zunächst in eine Schublade „gut, aber nicht bemerkenswert“ gepackt, wandelt es sich recht schnell zu einem sehr guten Album und überspringt schließlich potentiell selbst diese Marke. Deutscher R’n’B ist keine Seltenheit mehr, wirklich gelungene Produktionen auch nicht, wie zum Beispiel Oceana beweist. Den besonderen Reiz gewinnt „The Sweetest Hangover“, erlangt Miss Platnum nicht aus der Einbindung der virtuellen bis realen Balkananklänge, sondern aus der Perfektion und Leichtigkeit mit der diese hier geschieht. Dazu trägt bei, dass weder deutsche Studiomusiker noch Computer, sondern Belgrads Boban i Marko Markovic Orkestar für die Bläsersätze verantwortlich zeichnen.

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