Manchester Orchestra – Mean Everything To Nothing

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Es liegt nah und führt doch nicht wirklich weiter, das junge Alter des Manchester-Orchestra-Frontmanns Andy Hull an den Anfang einer Besprechung des Albums „Mean Everything To Nothing“ zu stellen. Die Tatsache, dass er gerade alt genug ist, in den USA Alkohol zu kaufen, ist keine sonderliche Sensation. Nicht nur Conor Oberst war zum Zeitpunkt von „Letting Off The Happiness“ deutlich jünger, auch „Fevers and Mirrors“ veröffentlichte dieser in jüngerem Alter mit den Bright Eyes. Ziel dieses Einstiegs ist es aber nur, eine Verknüpfung zwischen Hull und Oberst herzustellen. Es findet sich auf „Mean Everything…“ häufiger ein bisschen Oberst in Hulls Gesang und eine ganze Menge Bright Eyes und Desaparecidos im Songwriting. Das sind jedoch nicht die einzigen Zutaten des Manchester-Orchestra-Klangs, der mindestens zwanzig Jahre amerikanischer Rockmusik nicht neu, aber mitreißend verschmilzt. Hinzu gesellen sich eine Portion Grunge im Sinne von Nirvana, Soundgarden oder Alice in Chains, College-Rock der Weezer-Prägung und emotionaler Rock aka Jimmy Eat World. Der Desaparecidos-Bezug wiederum ließe sich auch als At-The-Drive-In-Referenz formulieren. Zu guter Letzt findet sich sogar ein klein wenig 70er Hard-Rock (im Sinne von Black Sabbath) wieder. Das alles in Verbindung mit einem feinen Gespür für Pop, beziehungsweise allgemein begeisternde Arrangements, das zum Beispiel an die Kings Of Leon erinnern mag, reicht eigentlich aus, „Mean Everything…“ als einfach gutes Albums zu empfehlen.

Ein wenig seien dennoch die Qualitäten des Albums klarer herausgestellt. Besonders beeindruckt sicherlich die erfreulich intensive und vollkommen unpeinliche Weise, mit der in „Pride“ und „In My Teeth“ der Grunge aus dem Grab gehoben wird. Besonders letzteres Stück sollte die Heranwachsenden unter den Rockfans im Sturm erobern. „100 Dollars“ in seiner intensiven Kürze erinnert an Conor Obersts Bright Eyes, und auch „The River“ funktioniert vor allem auf der Ebene einer ehrlichen Innerlichkeit, wie sie Obersts Stücke auszeichnet. Es verbindet zudem die Energie der ersten Albumhälfte mit der atmosphärischen und emotionalen Dichte der zweiten. Die Bezüge zum melodischen Post-Hardcore entspringen vor allem „Shake It Out“ und „I’ve Got Friends“. Im einen hetzt Hull vorwärts, seine Stimme setzt zum Schreien an, verbleibt dann singend, um letztendlich doch voller Inbrunst alles herauszuschreien. Das andere spielt effektiv mit dem Gegensatz aus zarten Pianoklängen und Lärm, aus singender Intensität und Rufen.

Den Rest des Albums bestimmt überzeugender College-Rock, der bereits beim eröffnenden „The Only One“ fragen lässt, ob die Zeit für ein 90er-Rock-Revival tatsächlich gekommen sei. Ihre Stücke gestalten Manchester Orchestra dabei mal als wahre Hymnen („My Friend Marcus“, „Tony The Tiger“, „Everything To Nothing“), mal ruhig-intensiv und sentimental wie „I Can Feel A Hot One“.

„Mean Everything To Nothing“ ist eine poppige Melange all der rockenden Momente der letzten zwanzig Jahre. Die Stücke sind aufgeladen mit ego-zentrierten, potentiell gefühlsduseligen, emotionalen Themen. So berühren die Songs unter Umständen auch peinlich, aber vor allem ergreifen sie. Mag die zweite Hälfte des Albums etwas zu sehr im Weezer-Fahrwasser stattfinden und potentiell für manchen sogar in Richtung Wheatus ausrutschen, bietet die erste Hälfte genug Freude, um Manchester Orchestra ins Herz zu schließen.

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