Kreidler – Mosaik 2014

am

Ein Mosaik, das der nahen Zukunft entspringt. So mag der Titel des neuen Kreidler-Albums „Mosaik 2014“ gedeutet werden. Mosaik: Ein Muster, zusammengefügt aus kleinen Stücken. Alternative Titelmöglichkeit, so Andreas Reihse gegenüber der Spex, sei auch „Labyrinth 2014“. Labyrinth: Kompliziertes Netzwerk, durch das ein Weg mühsam zu finden ist.

Beides beschreibt die Stücke des Albums zutreffend. Kreidler fügen kleine analog und digital, mit klassischen Instrumenten und moderner Technik erzeugte Melodie- und Rhythmus-Schnipsel zusammen. Dies geschieht so strukturiert, dass musikalische Muster entstehen, dass die einzelnen Fragmente, die Klangscherben ein harmonierendes Ganzes ergeben. Der Wohlklang erscheint im Produktions-Prozess einem zufälligen Gang zu entspringen. Es klingt, als werde bei jedem Verwenden ähnlicher klanglicher Bauteile, ein potentiell – vollkommen – anderer Verlauf der jeweiligen Tracks entstehen. Dieser chaotische Determinismus begleitet und unterstreicht den verzweigten Charakter des im Mosaik dargestellten Irrgartens.

Die Art, in der Kreidler die Einzelteile ihrer Musik miteinander verschränken, verschiedene Melodien und Rhythmen zusammenstimmend umeinander herum lagern, zehrt offen und konsequent aus dem Vermächtnis der experimentellen Musik der 1970er Jahre (z.B. Krautrock) und deren Nachfolgern in den 1990ern, zu denen Kreidler ebenfalls zählen.

„Mosaik 2014“ schreitet in seiner Gänze und in seinen einzelnen Nummern relativ gleichmäßig und eintönig vor sich hin. Ausgesprochene Ruhephasen und expressive Ausbrüche fehlen gleichermaßen. In mittlerer Geräuschintensität, aber doch eher gehobener Geschwindigkeit fließt die spannungsgeladene Klangkulisse daher, fordert die Imagination visueller Begleitungen. Auch die vordergründige Komplexität der Arrangements vermeidet die extremen Zustände. Poppige Phasen oder reine sphärische, klangliche Tapetenmalerei kommen nur als Übergangszustände vor. In dieser Beschreibung eines unaufdringlichen mittleren Zustands, eines kontinuierlichen Flusses gehen die vorhandenen schnellen Fluktuationen verloren. So gestalten sich die Stücke voller Turbulenzen, wirbeln die Klänge um sich, um den Hörer herum. Töne schrauben sich spiralig hin und her, erscheinen mal fragmentarisch, mal vollkommen, stechen in ihrem zurückhaltenden Auftreten hervor oder verpuffen in ihrem inszenierten Unmaß. Kreidler erschaffen mit diesem Album ein vielskaliges instrumentales Gemälde, dessen offenbare Schönheit begeistert, in dessen scheinbar grobkörniger Strukturierung immer wieder neue Mikrostrukturen erkennbar werden, die zum einen sich wieder zu neuen Makrozuständen verbinden, in denen zum anderen aber erneut überraschende Nanobestandteile zu sehen sind, die wiederum … So gelingt „Mosaik 2014“ – möglicherweise nicht im strikt mathematischen Sinne, aber gefühlt – als „fraktales“ Album.

Advertisements