Kings of Convenience – Declaration Of Dependence

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War es auch 2000 so einfach, die Kings Of Convenience zu unterschätzen? Ihr drittes Album „Declaration Of Dependence“ beginnt als stille Nettigkeit, begrüßt unbedeutend hübsch und entwickelt sich zur lauen, glückseligen Sommernacht. Gewöhnung mag für den lauwarmen Empfang verantwortlich sein, Qualität für die nachfolgende Gefühlsverwandtschaft. Zu viele Bands haben in nunmehr neun Jahren die gleichen Regungen angesprochen wie Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe als Erfinder des „Quiet Is The New Loud“, zu stürmisch hat Erlend zudem als und mit The Whitest Boy Alive die Herzen erobert, als dass die „Declaration Of Dependence“ dem Hörer augenblicklich die Sprache rauben könnte.

Das Album ähnelt vom ersten Eindruck an einem Umhang, einer Decke. Wie die „Declaration“ erscheint eine solche, wenn sie den Tag über im Fenster gelüftet wurde, zunächst kalt. In sie eingehüllt stellt sich dem ungeachtet schnell wohlige Wärme ein.

Schon von außen signalisieren die Kings of Convenience, dass sie auf ihrer Reise von der Frische einer skandinavischen Ferienhütte am See der ersten Platte über die beengte Gemütlichkeit einer herbstlichen WG in Europas regnerischster Stadt Bergen nun in der Weite des marinen Horizonts in Mexiko angelangt sind. Was als Verstärkung des Fluchtreflexes, der Introvertierung, der Regression erscheint, drückt eigentlich die erweiterten Möglichkeiten der beiden etablierten Musiker aus. Dem Hörer jedoch dient es eben als noch effektivere Seelenmassage. Die laue Sommernacht, welche die Lebensgeister erneuert, nachdem die tropische Hitze des Tages sie erschöpft hat, die ruhige, friedliche Abendstimmung, die ganz ohne Grund Glückshormone durch den Körper fließen lässt, diese Stimmung ruft das Album in jedem Moment hervor. Überhaupt passte Erlends und Eiriks Musik schon immer fast eher zum Sonnenuntergang am sommerlichen Strand denn an das wärmende Lagerfeuer in tief verschneiten Wäldern.

Das vermittelte Wohlbehagen lassen die Kings of Convenience immer wieder von eisiger Kälte unterbrechen. Die Zerbrechlichkeit in Form einer dünnen Eisskulptur repräsentiert am besten die Einfachheit, die klangliche Leere des umwerfenden „My Ship Isn’t Pretty“. Weniger dramatisch, aber ähnlich, gestalten Erlend und Eirik auch „Scars On Land“. Diese unterkühlten Realitätsverankerungen bleiben kleine Unterbrechungen der freudigen Melancholie, der warmen Friedfertigkeit, die das Album in Gänze ausstrahlt, einer Regung, die wie bereits bei den beiden regulären Vorgängern den Vergleich mit Simon & Garfunkel hervorruft. Diese Referenz rechtfertigen ebenso solch verspielt süd-amerikanische Stücke wie „Freedom And Its Owner“ oder „Rule My World“ wie die typischen kleinen Harmoniegesang-Kunstwerke. Zu letzteren zählt neben „Riot On An Empty Street“ die Albumeröffnung „24-25“, die in ihrer simplen Klarheit den Hörer zunächst abweist und das Album eher spröde beginnen lässt. Aber schon „Mrs. Cold“ öffnet die Arme weit und nimmt uns in beschwingter Liebenswürdigkeit ein für sich. Diese Offenherzigkeit von „Mrs. Cold“ steigern „Me In You“ und „Boat Behind“ mit hüpfenden Piano-Anschlägen und auf- und abschwingenden Streichern, die eisigste Herzen schmelzen lassen und noch Versteinerungen zum Tanzen bringen.

Erstaunlicherweise finden sich Erlends Erfahrungen in live gespielter House-Musik ohne Computer mit The Whitest Boy Alive auch hier wieder. Insbesondere „Rule My World“ treibt sein Experiment rhythmischer Musik ohne Beats auf eine weitere Spitze. Die rhythmische Akzentuierung der Stücke ohne eigentlich perkussive Mittel zieht sich durch weite Teile des Albums. Nicht nur die Gitarren geben „Peacetime Resistance“ einen Groove, selbst die zu Hilfe gezogenen Streicher produzieren entspannende Betonungen des Taktmaßes.

Auf dem Cover zu „Declaration Of Dependence“ taucht erneut, wie beim Vorgänger, ein Schachbrett auf. Zum ersten Mal ist dagegen keine Frau zwischen den Musikern zu sehen, zum ersten Mal wird auf dem Cover musiziert. Dazu rauschen Wellen, wo es beim Debüt der Wind war. Die „Kings Of Convenience“ verstehen es meisterlich, sich und ihre Arbeit zu inszenieren. Die Ruhe, die Abgeschiedenheit, die ihre Musik verströmt, in die ihre Lieder den Hörer selbst im größten Großstadttrubel versetzen, beginnen so bereits bei der Verpackung. In stiller Kontemplation genießen sie und wir die Natur, gehen den eigenen Gedanken zu Liebe oder Freundschaft nach. So stellt eben das zweite Album eine Irritation, eine Abweichung im Schaffen von Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe dar, denn selten wirkten beide so zerstreut, so abgelenkt, wie auf dessen Titel. Heute aber steht die Musik im Mittelpunkt, gilt alle Konzentration, alle Beschäftigung nur ihr und ihrer emotionalen Intensität wie ihrem formvollendeten Wohlklang. Das Schachspiel dient allein als Werkzeug, um den eigenen Focus scharf zu stellen.

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