Jochen Distelmeyer – Heavy

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„Verbotene Früchte“ hieß das sechste Blumfeld-Album. Am Ende blieb eine Frage: „Wie soll nach diesem Album noch ein Blumfeld-Album kommen können, wie kann „Verbotene Früchte“ noch übertroffen werden?“ Die Antwort war so einfach wie logisch: Gar nicht. Blumfeld lösten sich auf, und es entspann sich die nächste Überlegung: „Was wird Jochen Distelmeyer jetzt machen?“ Ein einfaches Sequel schien ausgeschlossen. Würde er weiter Musik machen, einen Film drehen, Bücher schreiben? Die Nachricht eines Solo-Albums im Frühjahr 2009 klärte dies und warf neue Unklarheiten auf. Würde der Dornenboy ein Liedermacher-Album präsentieren, würde er mit Techno, Dance oder anderen elektronischen Genres experimentieren? Ein experimentelles Album schien mehr oder weniger ausgeschlossen. Vielleicht würde er zurück zur „Ich-Maschine“ und zu Gitarrenfeedbacks gehen, romantischen Pop Marke Prefab Sprout spielen oder den deutschen George Michael geben?

Tatsächlich findet sich auf „Heavy“ die voreilig ausgeschlossene Fortsetzung dessen, wofür Blumfeld standen. Selbst die Besetzung der Jochen Distelmeyer Band bietet im Grunde nur eine erneute Umbesetzung der seit zehn Jahren immer wieder fluktuierenden Menschenmenge namens Blumfeld. Der direkte Anschluss zeigt sich sofort in der Klangästhetik der „heftigen“, der „schweren“ Stücke auf „Heavy“. Wo Blumfeld der eigenständige, immer sofort erkennbare Klang als Selbstplagiat ausgelegt wurde, nimmt Distelmeyer auf seinem Soloalbum diesen ohne Brüche auf. Blumfeld waren schlussendlich eben tatsächlich vor allem Jochen Distelmeyer und Gleichgesinnte. So ist das Unwahrscheinlichste eingetreten und stört nicht. Hat der Hörer akzeptiert, hier das zu hören, was er kennt, hat Distelmeyer mit seinem unverwechselbaren Gesangsstil die Zeitreise durch 20 Jahre eröffnet, hat sein Songwriting in all seinen scheinbaren oder wirklichen Wiederholungen die nötige Stimmung verbreitet, hüllt „Heavy“ ein, lässt einen den Flashback voll spüren und füllt flugs das Loch, das Blumfeld hinterließen.

Die Leichtigkeit erstaunt, mit der Distelmeyer vermag, alle Zweifel beiseite zu wischen. Kaum zwei Minuten dauert „Regen“, welches, rein vokal, Künstler und Hörer in größter Nähe und Direktheit aufeinander treffen lässt. „Heller Wind, und silbern fällt der Regen auf die Welt“. Wunderbar romantisch oder kitschiger Poesiealbumspruch. „Hinter der Musik, totes Kapital.“ Platte Agitation oder perfekter Slogan. In diesen Spannungsverhältnissen stehen Distelmeyers Texte, die für den Fan mit zu seinen stärksten gehören. Sie stellen gleichberechtigt ein Unwohlsein in der Gesellschaft wie in frühen Blumfeldtagen – wenn auch zugänglicher – neben die Romantik, die mit der nahenden Jahrtausendwende offen Einzug hielt in Distelmeyers Lyrik. Ebenso paritätisch gestaltet sich die musikalische Untermalung der Texte. So finden sich auf „Heavy“ die großen schwelgerischen Popsongs des „Jenseits Von Jedem“ mit Bezug zu Paddy McAloon und Morrissey neben aggressiven, stumpf rockenden Momenten, die einen Bogen schlagen zur „Ich-Maschine“. Besonders „Wohin Mit Dem Hass“, dessen Rückkopplungen das Album nach „Regen“ eigentlich erst wirklich eröffnen, ist Teil dieser Distelmeyer’schen Zeitschleife, wird aber noch übertroffen von „Hinter Der Musik“, dessen abstrakte Bildsprache und dessen Gitarrenästhetik sich ohne Mühe in einer Linie zu „L’Etat Et Moi“ sehen lassen. „Er“ rumpelt eher unauffällig vor sich hin, während jedoch „Hiob“ mit Stoner-Rock-Anleihen lyrisch und musikalisch aufhorchen lässt, denn nicht nur Distelmeyers „Worte sind ungestümer Wind“.

Die Begeisterung, die sich mit der Zeit einstellt, zehrt vor allem aus dem Gegensatz dieser Aggressionen mit den opulenten, romantischen Nummern. Ungeachtet aller Zweifel, die „Lass Uns Liebe Sein“ beim ersten Hören auslöst, gehört es in seiner treibenden, friedvollen Herrlichkeit zu den vielen wirklich großen Stücken auf „Heavy“. Übertroffen wird es ohne Mühe vom schmerzhaften „Nur Mit Dir“, dem sich nur steinerne Herzen verschließen können dürften. Allerdings werden selbst diese sich nicht der Wahrheit entziehen können, welche der Beschreibung innewohnt, mit der Distelmeyer in „Bleiben Oder Gehen“ die Enge einer Beziehung in der Sackgasse zum Leben erweckt.

„Der Herbst ist in der Stadt seit ein paar Tagen“, singt Distelmeyer, und wie Winter und Sommer beide jetzt in der Luft liegen, leben sie in „Heavy“, packen den Hörer und lassen ihn in diesem ersten, großartigen Solo-Album Jochen Distelmeyers aufgehen. Es mag nur ein siebtes Blumfeld-Album sein, überzeugt aber ohne Einschränkung dennoch … oder gerade deswegen.

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