Health – Get Color

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Glaubt man den Berichten, so entfaltet sich die wahre Macht der vier Kalifornier von HEALTH erst im Live-Erlebnis. Aber selbst ohne diese Auftritte zu kennen, fasziniert die Band auf ihrem zweiten Studioalbum „Get Color“ in außerordentlichem Maße. Es mag sogar gemutmaßt werden, die Inszenierungen aus Lärm und Stille, die durchstrukturierten Entwürfe der Stücke könnten so in ihrer konservierten Form deutlich länger anhaltend wirken. Denn erst im prinzipiell klaren Studioklang zeigt sich eben deutlich die planvolle Herangehensweise. So haben HEALTH vielleicht mehr mit Battles gemein als mit den durchschnittlichen Noise-Rockern dieser Tage.

Bei aller Vielfalt der Stücke lässt sich die schnell einstellende Begeisterung für „Get Color“ auf ein einfaches Rezept zurückführen. Geordneter Lärm, der allerdings fast still erscheint, also nicht laut ist, steht zunächst in dieser Anleitung. Er besteht aus rhythmischer Akzentuierung, aus singenden Gitarren und Synthesizern. Er stampft voran, ohne nach links und rechts zu schauen, zieht seine Umgebung ein. Seine Frequenzen erscheinen vielfach unsauber, wirken, als interferierten sie zum Teil destruktiv. Ein infernalisches Rauschen begleitet die organisierte Kakophonie somit. So weit ist das wenig neu. Der Aufbauplan ergänzt dies jedoch nachfolgend um ganz große Harmonien. Die bisher beschriebene früh-industrielle Maschinenhalle wird durchzogen von eindringlichen und einträchtigen Melodiebögen, die allein stehend ein stilles, ambientes Kunstwerk sein könnten. Dieser Wohlklang entspringt zum Teil – jedoch nicht ausschließlich – Jake Duzsik Gesang, der in seiner süßlichen, harmlosen, sirenenhaften Gestaltung mal über den Stücken zu schweben und mal sie zu durchweben scheint.

Sei es die wuchtig lärmende Miniatur „In Heat“, die das Album eröffnet, oder das lärmfrei elektronisch becircende „In Violet“, das es beschließt, die rohe Intensität der rhythmisch monotonen Songs „Nice Girls“ und „Severin“ oder die poppige Schönheit von „We Are Water“, das Grundrezept bleibt erhalten und die Stücke ziehen in ihren Bann. Den kleinteiligen Versatzstücken der Tracks wird gefesselt gelauscht; jede überraschende Wendung, seien es Dissonanzen oder elegante Schönheit, verzückt. Die nachvollziehbare Kleinteiligkeit der Klangentwürfe hinterlässt aber gelegentlich auch den Eindruck, die hier präsentierten Stücke seien nur Rohentwürfe, es fehle noch etwas. Sie erscheinen wie Samen, die erst im Rahmen eines Konzerts zu erschreckenden Blumenschönheiten heranwachsen.

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