Harmonia and Eno ’76 – Tracks and Traces

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Gelegentlich lohnt es sich, auf die Entstehung einer Platte näher einzugehen. Brian Eno und Harmonia (Michael Rother von Neu! und die beiden Cluster-Mitglieder Dieter Möbius und Hans-Joachim Roedelius) trafen 1974 in Hamburg aufeinander und fanden sich 1976 in der deutschen Provinz für Tonaufnahmen wieder zusammen. Diese landeten im Nirvana.

Erst Mitte der 1990er Jahre macht sich Roedelius an die Arbeit, Teile der Bänder, die ihm zugänglich waren, zu einem Album zusammenzusetzen. „Tracks & Traces“ erschien 1997. Die jetzige Veröffentlichung als „Tracks and Traces re-released“ beruht nun auf den neun Stücken dieser Platte und den musikalischen Ergänzungen, die Michael Rother mittels seiner Kopie der Aufnahmen von 1976 in den letzten Jahren produzierte. In welcher Form Brian Enos Original-Bänder noch einmal die Ohren des interessierten Publikums erreichen werden, bleibt unklar. Doch Harmonias Wahrnehmung ihrer 1976er Aufnahmesession dürfte hiermit weitgehend belegt sein.

Dem Titel entsprechend erscheint der 1997er Anteil der „Stücke & Spuren“, der „Spuren & Zeichen“, der „Fährten & Trassen“ als Mischung all solcher. Sowohl „When Shade Was Born“ als auch „Trace“ verbleiben fragmentarische Miniaturen, wobei die mangelnde Erweiterung von insbesondere „Trace“ äußerst bedauert werden darf.

Mit „Vamos Compañeros“ stürzt der Hörer unvermittelt, aber auf Schienen geführt in Roedelius Version hinein. Nervös fiepend und pluckernd wird er monoton hindurch getrieben, bevor „By The Riverside“ glückselig-meditativ übernimmt, bald aber ebenfalls auf eine eher düster-meditative Atmosphäre zurückfällt und am Ende dennoch wieder friedvoll strahlend erblüht. Das Dunkle bestimmt überhaupt Roedelius Sicht der Aufnahmen. Den schwärzesten Moment erlebt der Hörer sicher im beängstigenden „Weird Dream“, dessen Wirkung glücklicherweise durch den sanften Frohsinn von sich umschmeichelnder Gitarre und Piano in „Almost“ beschränkt wird. Diese Leichtigkeit schwingt in „Les Demoiselles“ leider fast in Übermut um.

Michael Rother fügt Roedelius Entwürfen eine Einleitung und einen Ausklang hinzu. „Aubade“ greift am Ende den sanften Frieden von „Almost“ auf und entlässt uns so in emotionaler Ruhe. Hier wie auch in der neuen Albumeröffnung geht Rother geradliniger und generell melodischer zu Werke als sein Kollege. Melodien durchziehen auch bereits „Demoiselles“ oder „Almost“, in den neuen Stücken aber geben sie offenkundiger Auskunft, lassen sich kontinuierlicher nachvollziehen. So leitet auch „Welcome“ sanft und direkt hinein in die Wiederveröffentlichung. Zart und lieblich werden wir hineingeleitet und in „Atmosphere“ von einem forsch voranschreitenden Rhythmus empfangen, der von einer Synthesizer-Melodie angeflirtet wird und von zusätzlichen vereinzelten Störklängen doch nicht aus dem Konzept gebracht werden kann. Das erledigt erst Roedelius mit „Vamos Compañeros“ im Anschluss.

Im Zentrum der „Tracks & Traces“ steht 2009 wie 1997 „Sometimes In Autumn“. Einzelne Gitarren-Töne und analoge Synthesizerflächen tanzen um und übereinander und schaffen eine eigene Welt aus Schall. Aus dieser bricht der Hörer auf in eine leere Weite, erreicht fast einen Zustand des Zen, aus dem er jedoch durch einzelne – in diesem Zustand fast aggressiv wirkende – Töne wieder hervorgeholt wird.

Ambiente Intensität und latente Beats bestimmen die möglicherweise letzten veröffentlichten Harmonia-Aufnahmen. So faszinierend und durchaus lohnend sie sind, so sehr bilden sie aber kein durchgängig reizvolles Album. Zudem erkennt der Hörer zumindest halb-bewusst die lange Entstehungszeit, die drei unterschiedlichen Epochen der Mittel, die genutzt werden konnten. Die 1976er Aufnahmen wurden 1997 nicht nur, wie Roedelius es formuliert, für Hörer außerhalb der Gruppe zumutbar gemacht, sondern, so scheint es zumindest, auch klangzeitlich angepasst. Gleiches lässt sich für die 2009er Tracks sagen. Sie erscheinen, als nähmen sie Trends auf und bezweckten eine Aktualisierung der eigenen Musik mit der Ästhetik ihrer Epigonen. Interessant zwischen Entspannung und Ängstigung ist „Tracks and Traces re-released“ dennoch.

Dazu sagt Joachim Roedelius
www.myspace.com/roedelius
www.roedelius.com

wer hat … erzählt, dass der Hörer es auf dieser
Veröffentlichung mit „meinen“ Auslegungen“ des Materials zu tun hat. 

Ich habe, wie auch Rother nichts anderes getan, als die Original-
Aufnahmen 1/1 übernommen und nur technisch notwendige Verbesserungen
vorgenommen, bzw. von den zwei im covertext genannten Toningenieuren
vornehmen lassen.

So wie Du diese Musiken beschreibst sind sie auch, aber nicht, weil
ich sie etwa so gemacht hätte mit meiner Aufbereitung, sondern weil so
original von uns allen so gemacht worden sind.

Auch Rother hat nichts anderes getan, als die drei Bonustracks 1/1
darzustellen.

Vielleicht machst Du Dir die Mühe und schreibst …
einen appendix zu Deiner Kritik, …

Dies wünscht sich Joachim Roedelius im Namen des Produkts, …

In der Tat geht aus den Informationen des Albums auf englisch hervor, dass keine neuen „musikalischen“ Ergänzungen vorgenommen wurden. Siehe auch den Artikel unter http://www.culturedeluxe.com/news_item.asp?id=6298

Auf deutsch sind die Albuminformationen etwas missverständlicher… oder ich las sie falsch.

Das ändert nichts an der Empfindung, man höre dem Album die technische Aufbereitung in drei Schritten an. Allerdings lässt dieses Wissen die vertretenen Fragmente und Stücke doch noch einmal heller scheinen, da vieles auf Tracks & Traces tatsächlich auch von zeitgenössischen Post-Krautrockern (falls es sowas gibt) wie zum Beispiel Kreidler, Sankt Otten, Syntaks oder The Sight Below stammen könnte.

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