David Guetta – One Love

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Es gibt viele Gründe, von David Guettas neuem Album von vorneherein wenig zu erwarten. Einer davon besteht in seiner nur bedingt überzeugenden Produktions-Tätigkeit für das diesjährige Black-Eyed-Peas-Album „The E.N.D.“. Ein weiterer könnte der Sommerhit 2009 sein, Guettas „When Love Takes Over“ mit Kelly Rowland. Bei dem liegen zwischen den Empfindungen „nervig“ und „grandios“ gerade mal Bruchteile von Augenblicken. Wie wahrscheinlich wäre es also, dass Guetta auf „One Love“ mehr als eine solch gelungene Verbindung von Großraum-Diskotheken-House und Ohrwurm-Pop-Appeal unterbringt?

Sinnvollerweise eröffnet „When Love“ dann auch das Album und stimmt so den Hörer einigermaßen friedlich, bevor der Anfang von „Gettin’ Over“ alle Befürchtungen zu erfüllen scheint, dass der Rest des Albums aus misslungenen Interaktionen von Handtaschen-House und R’n’B-Pop bestehen könnte. Die Verwunderung folgt nach 60 Sekunden. Ein Break im Stile Mr Oizos reißt einen aus seinem Verzweiflungsschlaf und lässt staunen. Chris Willis Gesang nervt zwar dennoch, aber die Überraschung ist gelungen. Im dritten, erstaunlich guten Track zu Beginn des Albums klingen dann Guetta und Vokal-Gast Akon wie Kid Cudi vs. Crookers, und das ist nicht nur etwas Positives, sondern begeistert in seiner elektronisch hüpfenden Tanzbarkeit restlos. Im gleichen Fluss folgt dann Kid Cudi mit „Memories“, das aber deutlich weniger überzeugt und den drögen Mittelteil des Albums eröffnet.

Diese Pause erlaubt es, kurz dem Zweck von „One Love“ nachzuspüren. In aller Einfachheit: Mit Gästen wie Akon, Kid Cudi, Kelly Rowland, Black Eyed Peas, Ne-Yo und Estelle sowie einer musikalischen Untermalung ganz im Stil der ausgebliebenen elektronischen Revolution „The E.N.D.“ im Gepäck versucht Guetta, den amerikanischen Markt mit weichgespülter Electronica, die nach Untergrund riechen soll, zu erobern. Die trend-bestimmenden Blogs ignoriert er dabei willentlich und setzt darauf, dass Hochglanz-Blogs die massentauglichsten Nummern des Untergrunds bereits so nah an die Masse herangebracht haben, dass diese auf den scheinbar neuesten heißen Scheiß sofort anspringt, selbst wenn die hochglanzpolierten Versionen mit dem „Hot Shit“ wenig bis nichts mehr zu tun haben. Sein Ibiza-Großraumdiskotheken- und Spring-Break-House erfüllt die Kriterien der Idole Black Eyed Peas, Paris Hilton oder auch Perez Hilton so perfekt, dass eigentlich einem Siegeszug nichts im Weg stehen dürfte.

Zurück zu den Tracks des Albums: Erste positive Anzeichen einer Besserung im langweiligen Mittelteil bietet Novels Gesang in „Missing You“. Mit leichter Autotune-Verzierung hebt er die Qualität des dumpf stampfenden House-Tracks ein wenig an. Allerdings vertraut Guetta hier, wie auch an anderen Stellen des Albums, auf die gleichen Instrumental-Passagen wie in „I Gotta Feeling“ von den Black Eyed Peas, das wiederum im Remix auch auf „One Love“ enthalten ist. „Choose“ mit Ne-Yo und einmal mehr Kelly Rowland ist in seiner düsteren Hektik durchaus erwähnenswert, aber erst der Titeltrack mit Estelle am Mikrofon erreicht die Qualität von „When Love Takes Over“ und übertrifft sie sogar, da die Nummer weniger glatt gebügelt erscheint. Nach einer weiteren Dürrephase schließt das Album, wie es begann: Genussvoll. Wynter Gordons Gesang und Guettas Produktion machen aus „Toyfriend“ einen intensiven, orientalisch angehauchten, aber ganz eindeutig von Diplo inspirierten Hit. Autotune und Synthesizer bestimmen das abschließende „If We Ever“ featuring Makeba. Alles wird zurückgefahren, Ruhe kehrt ein.

„One Love“ ist eine Sammlung von Stücken mit amerikanischen Stars, die David Guetta den großen Erfolg in den USA und überhaupt in der ganzen Welt garantieren soll. Das dürfte gelingen. Guettas Gespür für elektronische oder housige Pop-Inszenierungen resultiert darin, dass immerhin die Hälfte der Stücke auch anspruchsvolleren Ohren gefallen dürfte. Wenn – unwahrscheinlich wie das ist – im Nachhinein der ein oder andere kreativere Künstler aufgrund von Blog- oder Internet-Shop-Vergleichen die eine oder andere Platte mehr verkaufen sollte, darf man David Guetta für dieses zusammengestoppelte und kompilatorische Album sogar danken.

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