Yo La Tengo – Popular Songs

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Nicht wenige Menschen dürften sich dieser Tage (einmal mehr) die Frage stellen, wieso Yo La Tengo nicht nur nicht wirklich Verkaufserfolg haben, sondern selbst im Reigen der (alten) Kritkerlieblinge hinter Pavement, Dinosaur Jr, Sonic Youth und den Flaming Lips zusammen mit Guided By Voices eher die zweite Geige spielen. Mag sein, dass Georgia Hubley, Ira Kaplan und James McNew deshalb ihr neues Album selbstironisch „Popular Songs“ nennen. Jedoch beschreibt der Titel treffend die erste Albumhälfte. Daraus wiederum erklärt sich unter Umständen jene diagnostizierte Statuslosigkeit. Das Album ist faktisch zweigeteilt in populäre Lieder und ein folgendes zweites Album.

Diese zweite Hälfte besteht aus drei Songs mit jeweils bis zu 16 Minuten Spieldauer. Drei Stücke, die emotional gesättigt sind. Vielfach lassen sie sich deuten, ganz subjektiv aber stecken sie voller zärtlicher, sich gegenseitig verehrender, ja sogar erotischer Kraft. In dieser guten halben Stunde vertonen Yo La Tengo das Suchen, Finden und Erkunden in einer Beziehung. Für das, was sich in „And The Glitter Is Gonde“ entlädt in rückkoppelnden Gitarren, in exzessiven Interaktionen von Mensch, Gitarre und Verstärker, in meditativer, repetitiver Ekstase, legt „Fireside“ die Grundierung. Dessen hypnotische Struktur, sein vorsichtiges Erfühlen drückt die ganze Unsicherheit des Verliebtseins aus, das doch eigentlich zielstrebig ergreifen möchte, dessen vorgetäuschte Entspanntheit verzehrt. Das ist pure Emotion, reine Schönheit der Musik. Den Anfang nimmt dieser abschließende Song-Triptychon in den spannungsgeladenen einsaugenden Improvisationen von „More Stars Than There Are In Heaven“. Gitarren grummeln, Gitarren singen liebreizend. Ira erzählt die Geschichte, Georgia begleitet mit schrägem Harmoniegesang.

Dieser Fesselung des Hörers geht ein Reigen von Popsongs voraus, beziehungsweise die Interpretation dieser Art von Lied durch Yo La Tengo. Dabei handelt es sich dann um funky und punky Schmalz („Periodically Double or Triple“, „I’m On My Way“) mit Orgeleinsatz. Hinzu kommen zarte Balladen („When It’s Dark“) und barocke Entwürfe im Stile Neil Hannons („If It’s True“, „All Your Secrets“). All dies ist purer Wohlklang. Selbst die schräg vorgetragene Indie-Hymne „Avalon Or Someone Very Similar“ ist fast Kuschelrock-tauglich und nichtsdestoweniger traumhaft schön. Psychedelischer, aber symphonisch inszeniert, eröffnet dagegen „Here To Fall“ die Popular Songs, und „By Two’s“ hindert den Hörer, es sich in diesem wohlklingenden Popreigen zu gemütlich zu machen. Als eiskalte Dusche verursacht es in seiner Intensität nahezu körperliche Schmerzen.

Wahrscheinlich haben Yo La Tengo schon mal ein besseres Album gemacht. In seiner Schönheit als Ganzes und in seiner Vielfalt, in dem Wohlklang und der Wirkungsstärke fast jeden Stücks erstrahlt „Popular Songs“ dennoch in außergewöhnlichem Licht, das die Frage vom Anfang nicht beantwortet, aber rechtfertigt. Yo La Tengo liefern einmal mehr zwölf wunderbare Stücke Musik.

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