Karpatenhund – Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund

Was ist nur mit dem Hund passiert? Nachdem das Debüt „#3“ zuckrig-bunten, gelegentlich doppelbödigen Campus-Pop lieferte, die Band Karpatenhund versuchte, die anspruchvollere Version des durchschnittlichen deutschen Massen-Pops zu produzieren, steigen die Kölner heuer tief hinab in den Postpunk-NoWave-Britpop.

Zwar darf der erste Bote des Albums namens „Wald“ nicht als Maßstab für Album und Vorab-EP gelten, doch ein bei den Talking Heads entlehnter Albumtitel „The Name Of This Band Is“ und das offene Streben, es Leonard Cohen gleich zu tun, indem nach Manhattan auch Berlin erobert wird („Bitte Bitte Bitte“), sprechen eine deutliche Sprache. Wo „#3“ eine harmonische, gefällige, harmlose Einheit war, lässt sich auf „Der Name dieser Band ist“ jedoch in vielen Stücken eine Instrument-Gesang-Schere ausmachen. Wo die Instrumente also wunderbare, dunkelpoppige, rhythmuslastige, teilweise fast aggressiv rockende Stücke spielen, die mit „#3“ wenig gemein haben, klingt Claire Oelkers Gesang häufig wie einfach herüber kopiert. Dieser Gegensatz findet sich so bereits auf der „Wald Mondo Cane EP“ und setzt sich auf dem Album fort. Ein solches Spannungsverhältnis vereinfacht es den Fans des ersten Albums, auch Karpatenhund 2.0 zu mögen; die potentielle neue Zielgruppe, das Talking-Heads-, Pulp- oder New-Order-affine Publikum aber könnte es von der lohnenden, intensiveren Auseinandersetzung abschrecken.

Die EP bietet mit der Single „Wald“ und drei Non-Album-Tracks bereits einen Vorgeschmack auf die geänderten Karpatenhund-Klänge, allerdings stehen die Stücke noch näher beim College-Pop des Album-Debüts. Zwar bilden Bass und Schlagzeug bereits ein etwas dunkleres Bett für Claires intensiv-zarten Gesang, zwar versteckt sich hinter vordergründigem Frohsinn bereits oder wieder die Falltür („Mädchen Aus Beton“) und tatsächlich erfreut „Wir Waren Niemals Hier“ mit einem epischen Pop, der mehr mit den Editors gemein hat, als mit den deutschen Kollegen, dennoch überwiegt bei der EP der vordergründige, wohlgefällig harmlose Eindruck.

Das ändert sich beim Album nicht grundlegend, aber allein der Zweiklang „Anfang“/„Ende“ lässt das Album gewinnen. Großteils instrumental schaffen verzehrend-verzerrte Gitarren und einzelne Keyboard-Klänge, schafft die dominant pochende Rhythmus-Sektion eine spannungsgeladene Atmosphäre, in der sich zu verlieren leicht fällt. Zusammen mit der Single „Wald“ sind es auch diese Stücke, bei denen der Gegensatz aus Stimme und Arrangement, aus Zucker und Peitsche, nicht auftritt. So schließt sich „Wald“ direkt dem „Anfang“ an, stampft monoton voran, verzaubert mit Synthesizern und Bläsern, besonders mit den Bläsern. Das ist Pop reinster und bester Prägung, das ist Nachhilfestunde, ironische Anmaßung und eklektisches Räubern, das ist einfach gut.

Gleiches gilt für die subtile Wahrheit vieler Texte. Kitschig und platt erscheinend stecken Jahrzehnte addierter Lebensweisheit in ihnen, das Augenzwinkern drückt die Träne weg. „Notfalls Werde Ich Für Immer Warten“ bringt das auf den Punkt. Der Track ist zudem eines der Stücke, bei denen der Gegensatz zwischen Oelkers Gesang und Instrumentierung zwar präsent ist, aber nicht stört, sondern vielmehr den mitreißenden, tanzbaren Charakter der 00er-Jahre-Postpunk-Clubnummer verstärkt. Nicht zwangsweise eine Clubnummer, aber unzweifelhaft ebenso begeisternd und alle Zweifel vergessen lassend gilt dies auch für „Bitte Bitte Bitte“.

Ganz anders beim erneut epischen Pop von „Boden“: Wieder voller Bläser und getragen vom Schlagzeug, plätschert er doch eher vorbei und Oelkers Gesang erscheint seltsam losgelöst vom Rest des Stücks. Ebenso schweben ihre Vocals über der „Weltschmerz“-New-Order-Nummer „Plastic Soul“. In aller Peinlichkeit der egozentrischen Tragik, die aber dem 80er-Dunkelpop durchaus immanent ist, entfaltet sich dieser Song zu einer Perle deutschen Pops. Poppige Harmonie und verspieltes Arrangement in solcher Eingängigkeit findet sich eher selten – nicht nur hierzulande.

Das Verspielte, die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Mitteln und Möglichkeiten zeichnen das Album, zeichnen die Band namens Karpatenhund aus. Seien es die zarten Holzbläserklänge am Ende von „Rorschach“ oder die ebensolchen, monotonen, kindlichen Melodiebögen in „Hier Wächst Nie Wieder Was“ – die Band weiß, was sie wie verpacken muss. Oder es hat einfach die Zusammenarbeit mit Peter „The Philistines Jr.“ Katis einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Ergebnis ist das gleiche positive.

Es drängt sich der Eindruck auf, Karpatenhund wollten Nachhilfe geben in Sachen Pop und was in ihm möglich ist. Insofern war „#3“ ihr 90er Album und „Der Name Dieser Band“ wäre ihre Aufarbeitung der 1980er. Als nächstes ständen somit Punk, Glam oder Kraut auf der Tagesordnung. Keine schlechte Aussicht, doch am gespanntesten sollte man auf Album Nummer 4 sein: „Wachtmeister Karpatenhund und seine Band der einsamen Herzen“. Im Hören der episch-dramatischen wie auch zumeist begeisternden Pop-Entwürfe auf „Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund“ ist das eine äußerst erfreuliche Aussicht.

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