Dennis Lisk – Suchen & Finden

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Das Wissen, Denyo von den Beginnern veröffentliche sein drittes Solo-Album unter seinem bürgerlichen Namen Dennis Lisk, verhindert nicht die Überraschung, ja den Schock, den die erste Konfrontation mit der Single „Lass Los“ auslöst. In deutscher Songwriter-Pop-Durchschnittlichkeit verströmte „Lass Los“ jene bürgerlich-berufsjugendliche Melancholie, die Radio-Airplay garantieren sollte.

Das war der erste Eindruck, von Veröffentlichungen von Samy, Udo, Jan, Clueso, Curse und Silbermond prägte. Im Grunde trifft er zu, aber Dennis Lisk vermag mehr auszulösen. Vielleicht ist es Moses Schneiders Produktion, oder aber doch Lisks Talent für Melodien, das rap-geschulte, rhythmisch betonte Wechselspiel aus Stimme und instrumentalen Harmonien. Ohne Zweifel schafft er hier ein Konsensalbum zwischen leicht (bzw. je nach Magen schwer) verdaulichem Mittelstandspop, städtischem Lebensgefühl und perfekten Pop-Nummern für alle. Sein Songwriting pendelt dabei zwischen so unterschiedlichen Pop-Einflüssen wie Ton Steine Scherben (ersatzweise Rio Reiser, Selig, Echt), Red Hot Chili Peppers und MGMT. Anders formuliert verweilt Lisk in jener Schnittmenge dieser Künstler, die von leichter Sommerlichkeit bestimmt wird. Alle diese Bestandteile finden sich insbesondere gleichzeitig in „Blick Nach Vorn, Schau Zurück“, das im Hinblick auf Massentauglichkeit durchaus als poppig perfekt bezeichnet werden darf.

Selbst wenn sich gelegentlich ein subtiler Funk, ein bisschen Reggae in den Vordergrund schummelt, („Wo Auch Immer“, „Derbe“, „Lenk Mich Ab“) bestimmt eine reflektierende Melancholie das Album. In dieser Grundstimmung – in der überwiegenden Abwesenheit offensichtlicher Partystücke – offenbaren Lisks Texte die ein oder andere Schwäche, versinken aber nie in den ganz großen Plattitüden und Peinlichkeiten. Einschränkend sei angemerkt, dass dies zumindest im Rahmen der Promo-Kopie gilt, auf der die Kooperation mit Jan Delay, Clueso, Sadyo und Max Herre namens „Einfach Mal Sehn“ nicht enthalten ist.

Die Höhepunkte des Album sind sicherlich jene emotionalen Perlen, bei denen die Produzenten ganz tief in die Streicherkiste greifen. Das wäre zunächst die klingende Schönheit „Irgendwann“, dazu gesellt sich das sowohl spröde wie bombastische „Gefährlich“, das manchem anstrengend und übertrieben erscheinen mag. Die Trickkiste wird auch für „Zwei Köpfe, Ein Gedanke“ geplündert, das schon in der nominell unfertigen Version vor Gefühl überläuft und voller Energie eine Beziehungseinheit feiert. Ähnlich intensiv, beschwert vorwärts hüpfend – und soweit wohl ebenfalls noch unfertig – überzeugt „Gerne Hier“. Keine Feier auf eine wie auch immer geartete Heimat, eher ein Ausdruck der Zerrissenheit zwischen Wohlfühlen und Unwohlsein im Hier und Jetzt. In bester – oder für den einen oder anderen schlechtester – Deutschpoppigkeit beendet „Weiterdrehn“ das Songwriter-Debüt des Denyo Lisk. Perfekt inszeniert und voller berufsjugendlicher, lyrischer Souveränität schafft es auch den kritischen Hörer zu überzeugen, dass diese Scheibe sich gern noch weiterdrehen darf.

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