Various – Brand NEU!

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Wird der Status betrachtet, mit dem Bands wie The Monks, Kraftwerk oder Sonic Youth heute bedacht werden, kann es erscheinen, als ob die unwahrscheinlichsten Künstler einer Generation auf lange Sicht das größte Potential besitzen, als Inspiration zu wirken, zu Bezugspunkten junger Künstler zu werden. So haben unter anderem die Bands des Krautrock und die frühen deutschen Elektroniker wohl den nachhaltigsten Einfluss quer durch alle Genres populärer Musik ausgeübt: von den nahe liegenden Genres des Electro und Ambient bis hin zu Britpop und Alternative Rock, wobei als Filter jeweils der Post-Punk stehen kann. Wo immer bestimmte rhythmische, sich wiederholende Muster eine Bedeutung haben oder luftig-schwermütige Harmonien dominieren, lassen sich Einflüsse von Bands wie Neu! nachvollziehen. Während unter Musikern diese Inspirationen ganz ursprünglich diffundieren, benötigen nachwachsende Publikumsgenerationen immer wieder eine Impfauffrischung. Die Wiederveröffentlichung der Neu!-Alben auf dem Label Grönland zu Beginn des Jahrzehnts diente als solche und auch die Compilation „Brand Neu!“ auf der Grönlandtochter Feraltone bezweckt dies, indem sie darstellt, welche Band-Vielfalt von Neu! beeinflusst wurde.

Fujiya & Miyagis „Electro Karaoke“ ist vielleicht einer der offensichtlichsten wie treffendsten möglichen Beiträge zu einer solchen Sammlung Neu!-inspirierter Tracks. Gleiches gilt für den mathematischen Pop der Foals („Titan Arum“), der perfekt in das monoton treibende Motorik-Schema passt. Für die Bedeutung der Krauts für den aus dem Post-Punk sprießenden Noise-Rock stehen auf der Compilation vor allem Ciccone Youth mit „Two Cool Rock Chicks Listening To Neu!“. Auch Oasis‘ „I Can See It Now“ mit seinen geschichteten Arrangements und seiner fesselnden Wirkung lässt sich im Grunde hier einordnen. Inwiefern Noel Gallaghers Hohelied auf Neu! zu glauben ist, das er nicht nur in der Spex sang, sei dahingestellt. Zwischen den beiden Neu!-Polen Rock und Electronica bewegen sich bekanntermaßen auch Primal Scream. Bei „Shoot Speed / Kill Light“ überwiegt das Rückkoppelnde-Sphärische. Auch Pets With Pets zehren neben treibenden Rhythmen und hymnischen Melodien vor allem aus einer schuhstarrenden Lärmkulisse.

Kasabian und LCD Soundsystem zeigen sich beide mit den für das heutige Post-Punk-Revival typischen Beatstrukturen, die den Hörer anstacheln. Erstere führen es in der britpoppigen Variante vor, der Blur ebenso viel verdankt wie dem Krautrock – auch Blur sind/waren natürlich nicht unberührt von den deutschen Electrorock-Pionieren –, während LCD Soundsystem ihre Anleihen bei Neu! eher in einem Joy-Division- oder Industrial-Kostüm verkleiden. School Of Seven Bells stehen hier beispielhaft für die epigonalen Krautrocker der 00er Jahre und schlagen sich gut in Nachbarschaft zu Ex-Neu!ler Michael Rothers „Neutronics 98“ und der umwerfenden letzten Aufnahme des Neu!-Drummers Klaus Dinger: La Düsseldorfs schwer rockendem „Sketch 1_08“. Den beeindruckendsten Betrag liefert allerdings sicherlich Cornelius mit „Wataridori“. Mit dieser hypnotischen Rhythmus-Verschachtelung verfährt er im positiven Sinn eklektisch und steht zu Recht im Zentrum der Compilation.

„Brand Neu!“ soll beispielhaft darstellen, welchen Einfluss Neu! auf die Musikszene der letzten 30 Jahre hatte. Das misslingt ebenso wie es gelingt, je nachdem von welchem Ausgangspunkt dieses Ziel angestrebt wird. Soll versucht werden, die Auswirkungen Neu!s auf die ihnen nachfolgende Musik darzustellen, so fehlt sicherlich zu viel, um die Sammlung zu loben. Gleiches muss gesagt werden, wenn die zeitgemäße Umsetzung des Neu!-Klangs im 21. Jahrhundert gezeigt werden sollte. War das Anliegen jedoch auf den Indie-Massenmarkt ausgerichtet, sollte also ein einendes Band zwischen einer Vielzahl verschiedener Künstler verdeutlicht werden, so glückt dies außerordentlich gut mit der Mischung aus Topsellern – insbesondere auf dem britischen Markt – wie Oasis, Kasabian oder Primal Scream, den Pop-Lieblingen Foals, LCD Soundsystem oder Ciccone (Sonic) Youth und potentiellen Neuentdeckungen (School Of Seven Bells, Cornelius) sowie Originalen (La Düsseldorf, Michael Rother). Krautrock-Besserwisser und extreme Musik-Nerds können auf „Brand Neu!“ sicherlich gut verzichten; sie sind aber auch die einzigen.

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