Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix

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Da sind sie wieder. Phoenix. Vier Franzosen und ihr unvergleichbarer Klang schicken sich an, die Hörer ein viertes Mal zu verzaubern, einen vierten Sommer zu bestimmen, und es lässt sich nichts erkennen, was sie daran hindern sollte. Im Grunde ist natürlich oder wieder alles beim Alten: Das Raue und Rockige, das „It’s Never Been Like That“ von den Vorgängern unterschied, ist nahezu verschwunden, aber alle anderen Grundzutaten des Phoenix-Klangbildes, also „Funk, Keyboard, Synthesizer, Indiepop, Tanzbarkeit und süßliche Melodien in perfekt durchproduziertem Gewand“ sowie der prägnante Gesang von Thomas Mars, „dessen französischer Akzent mit den Sex-Appeal von Phoenix ausmacht“, sind vorhanden. Mit wieder gefundenen House- und Ambient-Elementen gestalten Phoenix „Wolfgang Amadeus“ als „United 2.0“ oder vielleicht eher „Alphabetical 2.0“. So ließe sich das vierte Phoenix-Album, wie zu Teilen hier bereits geschehen, mit Versatzstücken eigener Texte zu den vorhergehenden Alben beschreiben. Aber es gibt auch genug Neues zu sagen.

Im Wissen um die Bedeutung der Wirkung auf der Tanzfläche und beim Konzert eröffnet das Album stürmisch, wird durch die frankophone, housig-ambiente Mittelphase gelenkt und endet in wieder stürmischen, aber vor allem in ihrer Schönheit beeindruckenden Stücken. Dank der Produktion von Philippe Zdar (eine Hälfte von Cassius) präsentiert die Band in der Tat ausschließlich perfekte Stücke. Fokussiert auf den Punkt gebracht zielen sie auf die großen Emotionen, auf die körperliche, ekstatische Verausgabung wie auf die alltägliche Beglückung. Vor allem beruht letzteres auf einer Vertrautheit des Songwritings der Band, das es schafft, Melodien und Arrangements neu und spannend zu entwickeln und dennoch immer in einem relativ engen, sanften, beglückenden Bereich des möglichen Spektrums zu verbleiben. Es sind die Kleinigkeiten, die Stücke voneinander abheben, so dass es aber eben auch eines großen Bruchs innerhalb eines Albums bedarf, um einen Eindruck der Eintönigkeit zu verhindern.

Auf „Wolfgang Amadeus Mozart“ besteht dieser Bruch in der sich ambient entfaltenden, elektronischen Klanglandschaft „Love Like A Sunset“. Langsam hebt deren erster Teil ab, schwingt sich auf in einen Himmel voller glitzernder Luftballons, bevor sich ein house-poppiger Beat hinzugesellt. Dieser erscheint, als bereite er einen großen Ausbruch vor, um stattdessen zusammenzubrechen und im zweiten Abschnitt sowohl akustisch-balladesk wie auch verrauscht die Melancholie zu feiern. Zuvor stürzen die vier Musiker mit „Lisztomania“ übermütig in das Album hinein. Ohne Rücksicht auf Verluste nehmen sie uns sofort gefangen, das klassische Phoenix-Wechselspiel zwischen Rhythmussektion, Melodie und Gesang verzückt und toleriert keinerlei Widerstand. Das bereits kostenfrei zur Verfügung stehende „1901“ setzt dort an, fügt knarzende Synthesizer hinzu, lässt diese aber nicht die Oberhand gewinnen. Sie und die flirrenden Keyboardklänge dienen allein der Verortung des Stücks auf dem 00er Indietronics- wie dem 1970er Disko-Tanzboden. Mit ähnlichen Mitteln gehen Phoenix auch „Rome“ an.

Nicht nur „Fences“ zeigt Phoenix in ihrer ganz eigenen Spezialdisziplin, der Verknüpfung französischer Funk-Ästhetik mit anglophilem Soul. Hier wie überhaupt schachteln Band und Produzent die Instrumente umeinander, überlagern sich Spuren zu faszinierenden, kaum durchdringbaren Gesamtkunstwerken. Diesen funkigen Soul, diese einen in seinem Selbst bestätigende Wärme verströmen die meisten Stücke. „Lasso“, das zu Beginn einen gitarrenrockigen Ausbruch andeutet, gehört dazu, „Big Sun“ in seiner epischen Schönheit ebenso.

Das Jahr 2009 bestimmen bisher Alben, die Synthesizer und Drumcomputer in poppiger Eingängigkeit verbinden, oder diese Klanggestalt im Bandkontext zu erzeugen versuchen. Aus ihrer ganz eigenen Ausgangsposition heraus betreiben Phoenix ihren Job seit 2000 genau in dieser Nische, aber mit einer einzigartigen Ästhetik und ebensolchen Ergebnissen. Mit Stücken wie „Girlfriend“ und „Armistice“ verdeutlichen sie erneut, wie sehr ihre Einstellung den tanzbaren Pop bis zu einem weißen Soul, einem Blues in die 1970er zurückverfolgt, wie sehr hier eben Todd Rundgren, Cat Stevens und Bruce Springsteen neben Daft Punk, Air und Cassius stattfinden. Hits, Hits, Hits. Schönheit, Faszination, Begeisterung. „Wolfgang Amadeus“ Phoenix perfektionieren auf dem so betitelten Album ihren eigenen musikalischen Ansatz. Voller Kraft und Einfallsreichtum schaffen sie ein eingängiges Album, dessen Stücke jedes für sich genommen allerdings – und das ist das einzige Manko – möglicherweise zu wenig Einzigartigkeit besitzen.

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