Peaches – I Feel Cream

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„Ich habe Electroclash gemacht, … Ich habe die Meute überlebt. … Peaches weltweit.“ So begrüßt uns Peaches in ihrem vierten Album. Wer zu Beginn des Jahrzehnts von der Musiklehrerein Merrill Beth Nisker und ihren Label-Kollegen auf Kitty-Yo eine erfolgreiche Revolution der populären Musik zu erhoffen wagte, sollte enttäuscht werden. Der Kanada-Connection um Gonzales und Peaches, die einen Teil des Label-Sounds prägte, gelang nicht der vollständige Durchbruch. Ihre Ästhetik des Electroclashs blieb – obwohl auffallend – nur eine Randnotiz auf dem Weg von Big Beat zu den Electro-Rock-Rave-Eskapaden der mittleren und späten 00er Jahre. Nisker wurde mit ihrem Peaches-Debüt „The Teaches Of Peaches“ zum Kultstar, der ebenso Beth Ditto wie Britney Spears wie Trent Reznor interessiert. Peaches erschien wie ihr Klang als Fußnote einer Entwicklung, die in gewisser Hinsicht erst kürzlich in Lady Gaga kulminierte.

Natürlich verabschiedet sich auch „I Feel Cream“ nicht vollständig vom klassischen, vom stolpernd drückenden Peaches-Klang. Dafür garantiert das Songwriting von Gonzales und Peaches selbst. Allerdings verschiebt sich der Fokus stark von der klanglichen Provokation hin zur massentauglichen Orientierung. Wissend um die eigene Bedeutung und vielleicht mit dem Blick auf die eigene prekäre, weil künstlerische Lebenssituation, stellt sich Peaches mit Simian Mobile Disco, Soulwax und Digitalism Schwergewichte der aktuellen Interpretation des Electroclash zur Seite. Diese Erweiterung der eigenen Klangmöglichkeiten tut nicht nur der Zugänglichkeit des Albums gut, sie minimiert vor allem die Gefahr, „I Feel Cream“ als dritte Kopie des etablierten Peaches-Bildes wahrzunehmen. Allerdings besitzen die beteiligten Produzenten ebenfalls ein klar definiertes Klangbild, das potentiell selbstkopierend wirken kann. Eine Wechselwirkung mit dem produzierten Künstler garantiert keine Originalität, erreicht sie aber im Falle der Tracks auf „I Feel Cream“. „Mommy Complex“ entwickelt sich derart zu einem effektiv knarzenden Monster, das die weltweite Tanzfläche klar im Blick hat, das aber im Grunde nicht mehr ist als die typische Digitalism-Bearbeitung eines typischen Peaches-Tracks: Zwei ausgelaugte Schallwellen interferieren konstruktiv. Auch „Talk To Me“ erscheint im Prinzip als klassische Peaches-Gonzales-Kollaboration, erfährt aber durch die Soulwax-Produktion eine funky Indietronics-Wandlung. Erneut ließen sich klangliche Parallelen zu anderen Soulwax-Tracks herbei schreiben, die aber das Endergebnis unnötig schmälern würden.

Die Kollaborationen scheinen auch auf Peaches‘ eigenen Produktionsstil abgefärbt zu haben. So steuert sie „More“ in die Synthie-Pop-Richtung und mischt Madonna mit Miss Kittin und ganz viel Bass. „Trick Or Treat“ und „Show Stopper“ reduzieren die neuen Einflüsse, präsentieren Peaches aber bei aller Provokation glatt geschliffen poppiger denn je zuvor.

Eine Poppigkeit, die der Intensivkur entspringen dürfte, die Simian Mobile Disco den verschrobenen peachesken Electro-Hop- und Dance-Punk-Ideen angedeihen. Zwischen Synthie- und Kaugummi-Pop-Welten, die beide die erste Jahreshälfte 2009 prägen, also zwischen Miss Kittin & The Hacker, La Roux und Lady Gaga zaubern sie die sanft blubbernde Electro-Ballade „Lose You“, die Peaches ungewohnt säuselnd singt. Ähnlich orientiert zeigen sich „Relax“ und der Titeltrack, wobei letzterer durchgängig beschleunigt direkt auf die Tanzfläche zielt. „Mud“ entwickelt sich – ebenfalls unter der Simian-Mobile-Disco-Führung – düster pulsierend zu einem synthetisch aufgepumpten Madonna-Ghettotech-Hybriden. Simian Mobile Disco dürfen zudem Peaches Kooperation mit Yo! Majesty als trägen state-of-the-art-Electro-Hip-Hop im Stile Timbalands inszenieren. Bei soviel Neuerungen wirkt die Einfachheit des das Album eröffnenden „Serpentine (I Don’t Give A… Pt. 2)“ fast erholsam. Bass, Applaussample, Peaches’ Sprechgesang, einzelne Xylophon-Anschläge und noch einmal Bass reichen aus, um den Song zu einem der Höhepunkte auf „I Feel Cream“ zu machen.

Ohne Madonna keine Peaches, ohne Peaches keine Madonna 200X und keine Lady Gaga. Ist es aber wirklich nötig, dass Peaches sich dem Trend anschließt, den ehemaligen Electroclash in Richtung Synthie-Pop umzulenken und so die Madonna- wie die Lady-Britney-Aguilera-Zielgruppen zu bedienen? Sicher nicht, aber so lange das Ergebnis so überzeugend erscheint wie „I Feel Cream“, schadet es auch nicht.

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