Laurent Garnier – Tales Of A Kleptomanic

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Krankhaft getrieben, zu stehlen. So möchte Laurent Garnier offenbar im Jahr 2009 gesehen werden, oder deutet mit dem Titel seines neuen Albums „Tales Of A Kleptomaniac“ zumindest selbstironisch in diese Richtung. Das „Diebische“ in dieser Selbsteinschätzung meint weniger ein Stehlen oder Plagiieren, denn ein Inspirieren Lassen. Das Krankhafte, der Mangel an Selbstbeschränkung darf dagegen wörtlich genommen werden.

Das fünfte Studioalbum Garniers bestimmt eine stilistische Unausgeglichenheit. Jeder Einfluss, jede musikalische Liebe des Franzosen findet sich mehr oder weniger offen wieder. Techno fehlt nicht, scheint wiewohl zu versinken unter Massen an Dubstep-Einflüssen, jazzigem HipHop, elektronischem Jazz, cineastischem wie pumpendem Drum’n’Bass, Polyrhythmik und Ambient. Die einzelnen Tracks vermögen zumeist innerhalb und außerhalb der jeweiligen Genrezuordnung zu glänzen, in Gänze aber mangelt es „Tales“ so an Homogenität. Die Einschränkung, dass die Stücke nur vorwiegend hochklassig sind, betrifft nicht nur die ruhigen, weichen Jazz-Electronica im abschließenden „From Deep Within“, die, möglicherweise durchaus gewollt als Stilmittel zum Ausdruck von Erschöpfung, leicht ermüdend wirken. Auch die Melange aus Roots-Reggae und Dubstep-Bässen namens „Food For Thought“ fesselt nicht durchgängig. Potentiell abwertend wirken insbesondere die beiden Versionen „Freeverse Pt. 1“ und „Freeverse (Stripped To The Bone Mix)“. „Pt. 1“ gestaltet sich als leicht altmodischer, jazzig-frankophoner HipHop mit Versen von MicFlow und bleibt so hinter der Ankündigung seiner ersten Takte, ein Beatbox-Bass-Monster zu sein, zurück. Die Frage, ob diese Bässe nun gen Tanzfläche oder gen düster-bedrohliche Klanglandschaft gestrebt wären, erübrigt sich aufgrund der tatsächlich eingeschlagenen Entwicklung. Im bis auf die Knochen reduzierten Mix entpuppt sich „Freeverse“ als lupenreiner Grime-Track, am Mikrofon präsentiert sich diesmal Tumi. Auch diese Variante hört sich ein wenig an, wie altbackenes Brot schmeckt.

Da selbst weitere Tracks der vorhergehenden Qualität aus den kleptomanen Geschichten noch ein gutes Album machen würden, wird hier auf hohem Niveau gejammert. Ein solch kritisches Lamentieren folgt aus dem Gegensatz zwischen diesen Stücken und dem Rest des Albums. Das eröffnende „No Music“ schraubt die Erwartungen bereits ins Unermessliche. Ein solch langsam voranschreitendes, rein rhythmisches Funkepos hat die Welt – so gut wie – noch nie gehört. Der Rhythmus steht ebenso in „Gnanmankoudji“ im Mittelpunkt. Ein klassisch gerader Technobeat trifft auf multiple afrikanische Stammestrommeln. Techafrobeat? Polyrhythmik mit Holzperkussion, cineastische 80er Electronica und klassischen Techno vereint Garnier zu „Back To My Roots (Back To My Technodiziak Roots Mix)“. Mitreißend, faszinierend und erregend fesselt das Stück bis zum Ende. Ebenfalls spannungsgeladen und atmosphärisch dicht entfaltet sich der Techno in „Last Dance @ Yellow“, während „Desireless“ klassisch offensiv zu Werke geht.

In „Dealing With The Man“ macht uns der Meister einmal mehr mit seiner Vorliebe für elektronischen Jazz und atmosphärischen, jazzlastigen Drum’n’Bass vertraut. Perfekt setzt Garnier seine Mitmusiker in Szene. Der gebrochene Beat in instrumentaler Jazz-Umsetzung bestimmt auch die Klanglandschaften des Kopffilms – um nicht zu sagen Kopfpornos – „Pay TV“. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zum aggressiveren, cluborientierten Drum’n’Bass in „Bourre Pif (Avant Bath Time)“.

Ein wenig Selbstbeherrschung hätte dem Produzenten Laurent Garnier und seinem Album „Tales Of A Kleptomaniac“ sicherlich gut getan. Zu viel versucht er in der maximal möglichen Dauer einer CD unter zu bringen. Allein seinem Talent, der Grundqualität, die jede seiner Produktionen nicht zu unterschreiten vermag, ist zu verdanken, dass keine unausgegorene, kreative Ideensoße entstanden ist. Trotz einiger Schwächen präsentiert sich auch dieses Garnier-Album als großartige Unterhaltung, deren Vielseitigkeit den Hörer vor allem belohnt, ihn freilich manchmal überdies ein wenig verstimmt.

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