Tiga – Ciao!

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Hits, Hits, Hits. Schon die Eröffnung zu Tigas Album „Ciao!“ namens „Beep-Beep-Beep“ stürzt den Hörer tief hinein in eine verschwitzte Electropop-Nacht voller Ekstase und körperlicher Erschöpfung. Das Album startet direkt in die Vollen und verfolgt von dort aus einen klar definierten Spannungsbogen. Einer Steigerung bis „What You Need“ folgt die routinierte Konservierung des flüchtigen Glücks des Augenblicks. „Gentle Giant“ verkörpert den Rauswerfer und „Love Don’t Dance Here Anymore“ führt uns endgültig zur Tür …, um dann spontan noch einmal alles, was an dieser Nacht so wunderbar war, im Schnelldurchgang zu durchleben.

Das könnte funktionieren, würde diese Inszenierung nicht so einfachen Regeln folgen und, vielleicht schwerer wiegend, klängen nicht auch Melodien und Arrangements der Stücke so vertraut. Innerhalb wissenschaftlicher Bilder sprechend, liefert Tiga mit „Ciao!“ eine Review, eine Zusammenschau der Ergebnisse zum Thema Electropop zwischen Fischerpooner, LCD Soundsystem und Junior Boys, zwischen Beat und Pop, 80er und 00er Jahren. Dieser – durchaus positiven – Sichtweise widersprechend ließe sich formulieren, dass Tiga sich mit diesem Album als größter Eklektiker (im Wortsinn) des Electropop zeigt. Demnach wäre das Album – dem Duden folgend – eine „unschöpferische, unselbständige, mechanische Vereinigung zusammengetragener Gedanken- und Stilelemente“.

Für letztere Sicht spräche die Ermüdung, die im Laufe der elf Top-Schlager (also Hits) aufkommt. Sie wird ebenso bestätigt durch den recht herkömmlichen Charakter der knarzend aufputschenden „Mind Dimension“ und „What You Need“, die Raverock auf 80er Pop treffen lassen. Zwischendrin klingt „Shoes“ wie ein unbekanntes Madonna-Stück aus dem Jahr 2008. Klimpernde Einfachheit und komprimierte Beats können nicht verhindern, dass es in seinen knapp vier Minuten Länge schon fast zu lang wirkt. „Sex o’Clock“ führt den Kanadier Tiga vollkommen in New Yorker Gefilde Marke LCD Soundsystem.

In der zweiten Albumhälfte gesellt sich ein Ohrwurm zum anderen. Das nette und sogar radiotaugliche „Luxury“ beginnt eher langweilig, entwickelt aber mit der Zeit eine intensive Spannung. „Gentle Giant“ ist sanfter Pop, in dem die 80er sich mit Electronica der 00er Jahre vereinen. Sanft beginnt auch „Love Don’t Dance Here Anymore“ und funktioniert soweit perfekt. Die folgende achtminütige Reprise aller Albumbestandteile schadet aber dem Stück und wertet es ab. Das interessanteste Stück auf „Ciao!“ ist wohl das langsam aufbauende, sich in Morsezeichen-Beats verzweigende „Overtime“. Erst gegen Ende stellt es sich in eine Reihe mit dem die zweite Albumhälfte dominierenden, 80er inspirierten House-Pop. Die Höhepunkte bilden aber sicherlich die direkt zugänglichen Stücke wie das melodiös verspielte „Beep-Beep-Beep“ zu Beginn und der aufgeregt blubbernde Ohrwurm „Turn The Night On“.

Auch wenn Tiga auf „Ciao!“ kein wirklich schlechtes Stück liefert, mangelt es der Platte als Ganzes an der nötigen Spannung und dem inneren Zusammenhalt, um als Album zu überzeugen. Die Stücke wissen zu gefallen, aber in der Häufung fehlt doch die Relevanz, fließt „Ciao!“ einfach an einem vorbei.

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