Safi – Kalt

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Wird einem Künstler, einer Künstlerin, einem „Act“ das Attribut „Neue Deutsche Härte“ angehängt, ist gesundes Misstrauen Bürgerpflicht, klingt das doch nach einer Viva-tauglichen Vermischung der Zutaten Nu Metal, Skatepunk und industriell angehauchter Pop. Tatsächlich fasst letztere Zutat einen gehörigen Anteil des Safi-Klangs, glücklicherweise fehlt aber der Rest. Auch die vom Label – Alfred Hilsbergs ZickZack – gewählte Genrezuordnung Punk greift in ihrer üblichen Konnotation zwischen Die Ärzte, Turbostaat und Donots zu kurz. Sie trifft ebenfalls nicht, wenn die Definition zwischen 1000 Robota und Dreipunktbande angewandt wird. Verortet der Schubladendenkende indessen Punk zwischen Nina Hagen und Einstürzende Neubauten und fügt dem einen Schuss deutschen Alternatives der Noise-Rock geprägten frühen bis mittleren 1990er Jahre bei, beschreibt er den Klang des Debüt-Albums von Safi recht treffend.

„Kalt“ als Album entwickelt sich um den epischen, sich langsam und auch ein wenig langweilig entfaltenden neun-minütigen Titeltrack. Er ist der ruhige Mittelpunkt, der Ruhepol des Albums. Zuvor bestimmt Safis expressiver und expressionistischer Gesangsstil mit zumeist wutschnaubenden, berstenden Gitarrenarrangements, nachfolgend prägt physische wie psychische Erschöpfung die Stücke „November“ und „Montagkönig“. Das vokale Ausbrechen wie die Gitarrenaggressionen beschränken sich in diesen späten Albumtracks auf spontane Momente, in denen Safi und Mitmusiker ihre selbst auferlegte Zurückhaltung nicht mehr ertragen können. Noch weiter geht zum Abschluss „Aus“ und versucht versöhnlich zu stimmen. Nahezu melodiös-poppig kann Safi aber auch hier ihre Energie nicht vollkommen im Zaum halten.

Während also der Titeltrack – von Moses Schneider in Form gegossen – die spannungsgeladenen noise-rockenden Weiten zwischen Sonic Youth und Yo La Tengo ohne viele Worte durchschreitet, setzt sich danach erschöpfte Zurückhaltung durch. Im Beginn des Albums bemühen sich Safi und Mitmusiker darum, die Möglichkeiten explodierender Gitarren mit denen eines Nina-Hagen-esken Gesangs zu verbinden, wobei letzterer vielfach originaler, besser und sinnvoller ein- und umgesetzt erscheint als bei „der Hagen“. Während sich „Weiter“ noch träge voranschleppt, scheppert sich die Band in „Helden“ ungebremst durch den ruinösen Maschinenraum der selbstkontrollierten demokratischen schönen neuen Welt. „Die“ folgt als spannungsgeladener, eskalierender Bluesrock, bevor „Übersee“ sich als melodiöser, aber verstörender Wolkenbruch entlädt. Wenn der Text zu „Marschmelo“ zudem an die Einstürzenden Neubauten erinnert, darf das durchaus als Lob verstanden werden.

Es wäre übertrieben, Safi als frischen Wind in einem vielfach langweiligen bis belanglosen deutschen Alternative zu beschreiben. Immerhin jedoch schafft sie mittels der alten Tante Rock in der Garagenvariante auf Deutsch Energien so effektiv zu entladen, wie es – zumindest vom Schreiber – lange nicht mehr erlebt wurde. Das ist keine große Kunst, es ist sogar eher einfach. Das ist in seinen Alternative-Rock-Arrangements in gewissem Sinne zudem altmodisch, aber – und da darf wohl Moses Schneider als Produzent gelobt werden – es ist gelungen.

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