Nero’s Day At Disneyland – From Rotting Fantasylands

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Kurzer Blick auf das Cover. Aha: Cockrockdisco ist das veröffentlichende Label. Das erklärt einiges. Oder es sagt zumindest schon, was vom Album „From Rotting Fantasylands“ des Künstlers Brock Bousfield aka Nero’s Day At Disneyland erwartet werden kann oder muss. Natürlich enttäuscht uns die Platte nicht. Auch wenn das Label von Jason Forrest gegründet wurde, um – Vorsicht, Promosprech – „erstaunliche neue Musik einer neuen Generation von Produzenten“ zu veröffentlichen, glänzten die Alben von zum Beispiel Forrest selber (als DJ Donna Summer) und Otto von Schirach vor allem in ihrer Trashigkeit und nicht in ihrer Langlebigkeit. Anders Nero’s Day At Disneyland. Ohne Zweifel besitzt diese Platte einen enormen Trashcharakter, doch darüber hinaus faszinieren die präsentierten Tracks ungemein, reißen mit, sind auf putzige Art und Weise poppig. Verquere Absurditäten ist der Hörer vom Label also gewohnt, mit Hardcore-Sakral-Breakbeat-Techno-Jahrmarks-Opern-Klängen schreibt Nero jedoch ein neues Kapitel in der Labelgeschichte.

Fünfzehn Miniaturen finden sich auf „From Rotting Fantasylands“, die vollgepackt mit genug Ideen für 30 ausgewachsene Tracks sind. Musik für eine Generation zwischen Klingelton und Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Breakbeats und Opern-Knödeln stellen zu Beginn in „In Aisles“ die Weichen im Gehör für eine auditive Reise über den Horror-Jahrmarkt. Geschwindigkeit und Verspieltheit bleiben durchgängig hoch, aber gegen Mitte des Albums bestimmt einige Tracks lang eine eher gedrückte Stimmung. Die absurde Interaktion von Hardcore-Beats und karnevalesken Leierkastenmelodien entwickelt sich hin zu einer paranoischen oder psychotischen Klangkulisse. Dem coulrophoben Hörer springen Clowns ins Gehör.

Relativ schnell jedoch nimmt die Idiotie oder die kindliche Komponente das Zepter wieder in die Hand und lädt uns ein, in einer weniger erschreckenden als zum Gelächter reizenden Geisterbahn Platz zu nehmen. So fährt der Hörer eine gute halbe Stunde durch ein Panoptikum aus Spieluhren, Spielmannszügen, Leierkästen, Operette, Breakbeatgewittern, Walzerseligkeit, fehlerhaften Effektinterferenzen, Sakralentwürfen und verzerrt opulenten Gesangsspuren.

An dieser elektronischen Kakophonie erstaunt ihre Hörbarkeit, die ausgelöste und erhaltene Faszination, die extreme Klangfülle, die zu keinem Zeitpunkt langweilt oder ermüdet, kurz, die Nachhaltigkeit der Stücke. Knapp 150 Sekunden je Track und jeweilige Ideenfülle verlangen zwar auch keine lange Spanne der Aufmerksamkeit, aber auf Albumlänge besäße so etwas durchaus das Potential, zu überfordern. Das bleibt aus. Bei aller Kleinteiligkeit des Albums und jedes einzelnen Songs – und es sind eben tatsächlich Songs – wäre es ein Fehler, einzelne Stücke hervorzuheben. Zu beeindruckend ist das Gesamtwerk. Trash ist das natürlich, aber grandios kreativer und amüsanter.

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