Holger Zilske – Holz

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Die gesteigerte Aufmerksamkeit der so genannten Gitarrenfraktion für elektronische Musik und selbst für House und Techno sorgte für überraschende Erfolge entsprechender Künstler in den letzten Jahren. Gui Boratto, The Field oder Pantha Du Prince lösten tiefe Begeisterung in eigentlich electrophoben Kreisen aus. Die entsprechende Reizübertragung funktioniert zumeist nach dem Prinzip, dass zunächst die Webseite von Pitchfork einen Ball aus den Tiefen des Techno aufnimmt, begeistert von ihm ist und daraufhin die Zielgruppe solch einen Ball ebenfalls spielen möchte. Die Fülle der Techno- und Houseveröffentlichungen verantwortet, dass nur ein Bruchteil der lohnenden Genrealben tatsächlich diese – verdiente – Pitchfork-multiplizierte Beachtung erhält. Stilistisch bevorzugt das Indiepublikum, um das es sich hier ja handelt, in der Regel – anscheinend – Kopfhörer- gegenüber Soundsystem-Alben. „Listening“ überwiegt also den Club-Aspekt.

Holger Zilskes „Holz“ verdient sicherlich jedes nur mögliche Augenmerk. Fein ziselierte Klangstrukturen und sacht blubbernde Beats bestimmen seine House-Gebilde. Von Beginn an entwickeln diese eine ungemeine Intensität. In der ersten Albumhälfte erscheint der quasi-zierliche Charakter der meisten Tracks vordergründig atmosphärisch geprägt, wirkt für die heimischen vier Wände bestimmt. Häufig jedoch offenbart sich ihr eigentlicher, funktional physischer Fokus rasch, nach nur wenigen Takten. Diese scheinbar gegensätzlichen Eigenschaften verleihen Tracks wie „Lichterfelde“, „Mes Yeux“ und „Roter Rausch“ ihre umwerfende Qualität. „Druckraum“ bildet eine ambient-dichte Ausnahme, deren monoton klackernde Beats jedoch wenig zielgerichtet daherklingen. Auch sanfte Vokal-House-Balladen beherrscht Zilske. Dazu gehört „Golden“.

In der zweiten Albumhälfte dreht sich das Verhältnis von Cluborientierung und Atmosphäre um. Beim ersten Hören erscheint so zum Beispiel „Metrodancer“ ungewohnt offen und erstmal unstimmig im Albumkontext. Ebenfalls eher forsch schreitet „Olho Gordo“ voran, löst den Grundgegensatz der Tracks der ersten Albumhälfte jedoch nicht auf, sondern kehrt ihn um; Zilske gestaltet hier also den vordergründig clubbigen Track um in einen Wohnzimmerkontext. Auch das in Mitteln offensive „Have A Cup Of This“ ist aufgrund der hektischen Melodiebestandteile eher weniger Club-geeignet und wirkt in diesen Takten potentiell verstörend auf den Hörer.

Zilske präsentiert auf „Holz“ gewissermaßen die Unschärfe der Wohnzimmer- und Clubkomponenten von Techno und House: Scheinbar reduzierte, ruhige Tracks erlangen eine treibende Intensität und aggressive Arrangements erscheinen eher poppig denn clubbig. In der Mitte dazwischen stehen präzise die beiden vokalen Hits des Albums. Qualität und Schönheit von „Golden“ und „To Them To Me“ werden durch die umstehenden Tracks betont. Insbesondere „To Them To Me“ ist ohne jeden Zweifel eines der besten Stücke des bisherigen Jahres.

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