Hell – Teufelswerk

am

Die Wortspiele gehen einem kaum aus, wenn Helmut Geier aka Hell sein viertes Album „Teufelswerk“ benennt. Allein der Name „Teufelswerk“ spielt bereits mit der Möglichkeit, mit dem Doppelalbum ein von Mephisto abgesegnetes Meisterwerk zu präsentieren. Tatsächlich lässt sich kaum abstreiten, dass insbesondere die als „Night“ bezeichnete erste Albumhälfte den ein’ oder anderen Höllenhit beinhaltet.

Schon die Gästeliste bzw. die Liste der Mitwirkenden deutet hin auf ein Albummonster: P. Diddy und Bryan Ferry als Gastvokalisten, Antony Rother, Roberto Di Gioia, Mijk Van Dijk oder Peter Kruder als Mitmusiker und -produzenten. Aber die beste Mannschaft garantiert keinen Sieg – das müssen nicht nur die Münchner Bayern gelegentlich feststellen. So kann niemand dieser kurzen Geschichte der (deutschen) Electro-Kultur unterstellen, es handele sich nicht um ein sehr gutes Album. Allerdings überzeugt die zweite Hälfte, die „Day“-Seite des Werks, nicht zu 100 Prozent.

Diese Tagesseite in ihrer Anlage als After-Hour-Beschallung und in der das ganze Album bestimmenden historisierenden Prägung gibt Hells Interpretation der deutschen Früh-Electronica und ihres Ursprungs im Krautrock und Psychedelic wieder. Nichtsdestotrotz schauen Helmut Geier und Produzent Peter Kruder auch über die Grenzen. Schon das den „Tag“ eröffnende „Germania“ erinnert ebenso sehr an frankophonen Downbeat der Marke Air wie eben an die deutschen 70er Jahre (Harmonia, Neu!, etc.). Kernstück des Tages sind jedoch die zwei Teile von „The Angst“. Auf der Promo sinnvollerweise zu einem Track zusammengefasst, stehen sie als zwei Stücke in der Tracklist. Die ambienten, psychedelischen Klänge der ersten Hälfte rinnen reichlich träge am Hörer vorbei. Die triphoppigen Vokalschnipsel erhöhen die Zahl ausgelöster Reize kaum. Interesse wird erst geweckt, wenn in „The Angst Pt. 2“ die Bässe düster wummern, die Beats nervös zittern und die ganze Atmosphäre des Stücks zu vibrieren beginnt. Ambient-Einflüsse, seien sie im Stile Brian Enos oder Wolfgang Voigts, dominieren – vermutlich dank Peter Kruders Mitwirkung – selbst die direkten Stücke des Tages. Während „Nightclubbing“ ganz selbstverständlich einen Lounge-Klassik-Charakter verströmt, zieht sich eine atmosphärische Betonung selbst in das – für diese Albumhälfte untypisch – hektische „I Prefer Women To Men Anyway“. Auch der minimale Techno „Hell’s Kitchen“ vermag nicht vollständig überzeugend Beats und klangliche Flächen zu verbinden. Vielleicht sorgt dieser Gegensatz dazu, dass der „Tag“ an mehr als einer Stelle zu zerfasern droht. So wirkt zudem die Coverversion „Silver Machine“ zum Abschluss ziemlich aufgesetzt – was nichts an ihrem singulären Hitcharakter ändert.

Die Eisen aus dem Feuer holen Hell und Mitwirkende aber mit der Nachtseite des Albums. Im Grunde gewinnen sie bereits mit dem ersten Stück. Der Electropop von „U Can Dance“ stellt in seiner Perfektion klar, dass an eine Niederlage nicht zu denken ist. Bryan Ferry als Gesangsgast sorgt quasi im Vorbeigehen für den besonderen I-Punkt. Schleicht sich der Track in der ersten Hälfte einfach souverän an uns heran, sorgt ab der Mitte der offensivere Beat für die ekstatische Club-Komponente, die diesen ersten Teil des Albums ausmacht. „Electric Germany“ folgt auf dem Fuße und verbindet die beiden „Teufelswerk“-Scheiben. Klassisch technoid führt das Stück in den Vokalteilen „Rhythmus“ , „Klangbaustein“ und „Elektronik“, sowie „Düsseldorf“, „Frankfurt“, „München“ und „Berlin“ im Kraftwerk-Stil zusammen. Die Nummer verdeutlicht als aktualisierte, quasi bisher unbekannte Kraftwerk-Produktion, dass auch die „Nacht“-Seite des Albums als persönliche Selbstorientierung und -positionierung des Künstlers im Kontinuum der (deutschen) Electronica verstanden werden darf und soll.

Überraschend, aber keineswegs unpassend, kommt im folgenden „The DJ“ P. Diddy zu Wort und verleiht dem pumpenden House-Track die besondere, die herausragende Komponente. Nach drei Stücken kann aus der Nachthälfte des „Teufelswerk“ somit schon keine schlechte CD mehr werden. Alles Weitere erscheint fast als Bonus. Besonders die drei abschließenden Nummern „Hellracer“, „Wonderland“ und „Friday, Saturday, Sunday“ wirken nach den vorhergehenden zukünftigen Klassikern tatsächlich wie Zugaben. Der desorientierende Technotrack „The Disaster“ besticht gleichwohl in seiner tiefen Dunkelheit, düster und dystopisch. „Bodyfarm2“ erscheint trotz manch komischem Soundelement nicht vollkommen leicht und wirkt im Gegenatz zu „The Disaster“ sehr direkt. Erneut sind die Anleihen bei Kraftwerk nicht zu übersehen.

„Teufelswerk“ gelingt als ungemein vielseitiges, wenn auch nicht durchgehend vollkommen überzeugendes, Album. Hell und seinen Kooperationspartnern gelingt eine bewegende, eine mitreißende Betrachtung der elektronischen Musik, ohne ausschließlich kopierend zu handeln. Die Platte erscheint vielfach auf die deutsche Komponente der elektronischen Tanzmusik fokussiert oder bemüht sich so zu erscheinen. So klingen eben nicht nur Krautrock und Kraftwerk durch, sondern werden auch die glamourösen Aspekte des deutschen 90er-Jahre-Technos wie das Minimale der 00er Jahre zitiert. Natürlich gelingt eine solche offensive Verortung in einem Kontext nicht ohne einen gewissen Eklektizismus, indessen wird jedes Zitat durch zwei originäre Ideen der Künstler kompensiert.

Advertisements