Gagarin – Adaptogen

Der einfachste Einstieg in eine Besprechung zu Gagarins viertem Album „Adaptogen“ findet sich über die Feststellung, er aka Graham Dowdall habe bereits mit John Cale, Nico und die letzten Jahre vor allem mit Pere Ubu zusammengearbeitet. Als Musikerzieher und Lehrkraft an der Universität von London schließen sich Gagarins musikalische Vergangenheit und die aktuelle Musik der Metropole London andauernd kurz, was sich in den Tracks auf „Adaptogen“ spiegelt.

Das Album glänzt in seiner Vielfalt voller melodischer Electronica, jazziger Improvisation, ambienten Drones und dubbigen Bleeps und Clonks. Mal nähern sich die Beats einer fast tanzbaren Intensität, mal blubbern Synthiemelodien wie Kohlensäurebläschen im Champagner nach oben. Am meisten beeindruckt jedoch, wie Dowdall strukturiert und klar separiert die Spuren der Musik, Beats, Samples, Fieldrecordings und Synthesizer nebeneinander platziert, wie quasi jeder Ton einzeln, dreidimensional auf den Hörer einwirkt und doch der Eindruck ganzheitlicher Tracks nicht verloren geht. So entsteht aus vielen kleinen Einzelteilen ein ruhiges, in sich versunkenes und versinken lassendes Electro-Album. Besagte Klarheit der Klänge, fast in Form eines Hörtests, ist es auch, die den Hörer in „Phormium“ gleich zu Beginn des Albums begrüßt, ein hochfrequentes Piepen von einem leicht dumpfen Dröhnen unterlegt. Hinzu kommt ein verqueres, „fehlerhaftes“ Beat-Klopfen. Fertig ist der Sog, der den Hörer erfasst. Die unkomplizierte Strukturierung der vielfältigen, nicht immer einfachen Elemente sichert die entspannte Atmosphäre und verhindert eine auditive Überforderung des Hörers.

Bereits im November als 7″ Single veröffentlicht, vertieft „Golden Cap“ die Umschließung des Hörers durch die ambienten Klangstrukturen Gagarins. Vordergründige Synthesizer-Flächen lassen den Track zunächst nahezu kitschig erscheinen, bevor sich zu seiner Mitte ein Vorhang aus kratziger, elektrostatisch aufgeladener Stahlwolle um die Träume des Hörers legt. Die B-Seite der Single bildete „Gavvers“. Auch dies ist eine ambiente Nummer, liegt ihr Schwerpunkt doch in deutlich tieferen, düstereren Lagen. Einzelne Melodie-Fetzen, Drummachine-Patterns und an teuflisches Kichern anmutende Klangstrukturen bewirken eine klaustrophobische Wirkung. Deutlich aggressiver tritt „’den Bosch“ auf den Plan, dessen Beat den Hörer aufschreckt und vorwärts treibt. In „Straiff“ wiederum stehen Takte voller melodischer Klarheit im Kampf mit digitalem Rauschen und Störgeräuschen. Zwischen aggressiven Beats und verzerrten Ambientflächen, zwischen dröhnenden Bassschleifen und lieblichem Vogelgezwitscher wie im Track „Onomo“ verleiht Gagarins „Adaptogen“ dem Hörer eine winterliche Gelassenheit. Bei aller Bedrohlichkeit der klanglichen Räumlichkeit gibt es ihm die Möglichkeit, seine Geschlossenheit in Ruhe zu erkunden, neue Elemente zu entdecken. Bei aller ambienter Bedrückung, die es ausstrahlen mag, bietet es sich doch vor allem als spannende Heimstatt an, in der vergessen werden kann.

Advertisements