Franz Ferdinand – Tonight Franz Ferdinand

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Weiterentwicklung vs. „klingt alles gleich“. Eine solche Diskussion hat nicht zwangsläufig mit der Frage nach Kreativität oder Mut eines Künstlers zu tun. Es können die Alleinstellungsmerkmale einer Band ausreichen, um selbst die Songs der veränderungsfreudigsten Band immer ähnlich erscheinen zu lassen. Ist manchen Artikeln zum neuen Franz-Ferdinand-Album „Tonight: Franz Ferdinand“ zu glauben, fanden selbst die Bandmitglieder im Laufe der ewig andauernden Tour zum Zweitling „You Could Have It So Much Better“ das eigene Schaffen relativ unspannend bis langweilig. Überhaupt kann niemandem übel genommen werden, wenn er beim Hören der beiden bisherigen FF-Alben zwischen überschäumender Begeisterung und gelangweiltem Entsetzen hin- und herpendelte.

Zwei gute Nachrichten für alle: Franz Ferdinand geben sich auf ihrem dritten Album musikalisch offen wie nie zuvor, und doch klingt alles vertraut. Das Stakkato der Gitarren und Alex Kapranos‘ Gesang geben Halt; Disco-Einflüsse, elektronische Loops und lärmende Verstörung in Verbindung mit kreativer Ideenfülle erneuern das Bekannte. Oder sind das doch eher zwei schlechte Nachrichten?

Egal wie, die Vorabsingle „Ulysses“ stellt bereits im Kern klar, was über „Tonight“ zu wissen ist. Aus einer rohen und ungeschliffenen Hülle – wie sie nach „You Could Have It So Much Better“ kaum zu erwarten war – schält sich langsam der Refrain. Ein Refrain, über dessen Melodie erstaunlicherweise viele andere dieses Albums und seiner Vorgänger bis hin zu „Take Me Out“ gesungen werden könnten, und es fiele nicht auf. Dieser Austauschbarkeit steht als größte Neuerung neben dem derben Stil des Arrangements der massive Synthesizereinsatz gegenüber. Wo bisher das synkopierte Stakkato im Rhythmus von Gitarre und Schlagzeug bestimmt wurde, unterstützt auf „Tonight“ der Synthie den typischen Franz-Ferdinand-Beat. Diese alten Synthesizer sorgen mit für den fiebrig-vibrierenden Klang des Albums, der den durchgeplanten Pop-Appeal ihres New New Wave ergänzt. Die recht typische Franz-Ferdinand-Songstruktur verströmt so zusätzlich die Stimmung von 70er- oder 80er-Jahre-Soundtracks zwischen Soft-Erotik, Western und Krimi, sie ließe sich gar als tarantinoesk bezeichnen.

Das Hektisch-Fiebrige zeigt sich ebenso im über einen dichten Funkrhythmus platzierten Franz-Ferdinand-Hit „What She Came For“ wie im nervös zitternden Disco-Funk von „Send Him Away“. Letzterer und das später folgende „Lucid Dreams“ zeigen besonders die Weiterentwicklung der Rhythmus-Abteilung. Holzperkussion und leichte Anleihen beim zur Zeit überall zu findenden Afrobeat geben „Send Him Away“ eine mitreißende, hypnotisch repetitive Komponente. Den Synthie-Sci-Fi-Trash-Soundtrack-Höhepunkt des Albums bildet aber sicherlich „Twilight Omens“. Voll gestopft mit guten Ideen zieht es den Hörer in seinen Bann: Synthesizer umspielen sich berauscht, die Rhythmus-Sektion stampft voran und in einer schummrigen Weltraumspelunke flirten Sänger Alex Kapranos und seine neueste Eroberung. Nicht nur hier wirken die Texte auf „Tonight“ arg platt, was aber kaum negativ auffällt im Anhören von synthetisch und elektronisch aufgepumpten Anime-Weltraumreise-Pop-Hits Marke „Live Alone“.

Auf dem Weg zur Klimax dieser Nacht mit Franz Ferdinand geht „Can’t Stop Feeling“ voraus und deutet mit platzenden Synthesizerblasen bereits den housigen Abschluss von „Lucid Dreams“ an. Dieser achtminütige Rave-Orgasmus beginnt dumpf, die Weite moderner digitaler Tonstudios nicht voll ausnutzend. Vordergründig ein typischer Track für die Band folgt das Arrangement von Synthie, Rhythmussektion, Gesang und Gitarre bereits den Gesetzen elektronischer Tanzmusik, verlässt den Indie-Tanzflur, begibt sich kontinuierlich weiter weg von ihm und endet – dank Paul Thompsons fokussiertem Schlagzeugspiel und Drummachine-Unterstützung – zielgenau im House.

So beeindruckend dieser Übergang von klassischem Post-Punk-New-Wave-Indie hin zum Rave sein mag, so schlüssig dieser Abschluss dieser Nacht ist, so sehr verwirrt die Ruhe danach. Die psychedelische Ballade „Dream Again“ erhebt sich bedrohlich aus dem ausklingenden Basswummern von „Lucid Dreams“. Stellt dessen Rave-Abschluss schon einen Bruch mit der zwar Neues einbindenden, aber doch klassischen halben Stunde Franz Ferdinand zuvor dar, nimmt „Dream Again“ tatsächlich jede Energie aus dem Album, lässt den Hörer in eine physische wie psychische Leere stürzen. Insofern bildet es einen perfekten, weil erlösenden Abschluss, was einzeln ebenso für den nachfolgenden de facto Kinks-Song „Katherine Kiss Me“ gilt. Jedoch wirken beide Nummern hintereinanderweg wie ein Fremdkörper, trüben den zuvor überaus positiven Gesamteindruck.

„Melodien für Millionen“ verkündete Kollege Köhler bezüglich des Franz-Ferdinand-Debüts. Die Verkaufszahlen gaben ihm Recht. Ob das für das dritte Album wieder zutreffen wird? Einerseits gehen die vier Glasgower rauer zu Werke als bisher, andererseits vertrauen sie weiter voll auf die Catchiness des Pop. Am Ende bleibt indessen vor allem vieles gleich. Das ist vielleicht die beste und schlechteste Nachricht dieser zwischen heute, den 80ern und den 60ern changierenden Platte. Wenn sie dann tatsächlich auch noch die versprochenen Erneuerungen schafft, hält sie alles, was Fans und unschlüssige Sympathisanten erhoffen konnten. Daft Punk fahren mit New Order zu den Kinks, um gemeinsam tanzen zu gehen. Kein schlechtes Fazit dieser Nacht mit Franz Ferdinand.

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