Buraka Som Sistema – Black Diamond

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Kuduro, Kwaito, Baile Funk, Reggaeton, am Ende ist doch alles Ghettotech. Aber hier geht es um Kuduro. Anfang der 90er in Angola entstanden aus einer Verbindung des aus Europa und Amerika herüberschwappenden House mit traditionellen angolanischen und karibischen Rhythmen, ursprünglich mit billigster Ausrüstung produziert, fand die Musik sofort den Weg in die Hauptstadt des ehemaligen Kolonialherren Portugal und setzte sich dort in den Vorstädten fest. Fünfzehn Jahre später findet sich der „afrikanisch-portugiesische Rap“ (ARD), finden sich „die Boller-Beats, Klimper-Keyboards und Highspeed-Raps“ (Bayrischer Rundfunk) nicht nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wieder, auch Frederic Galliano produziert 2006 sein „Kuduro Sound System“-Album. Letzteres zielte sicherlich zunächst auf die Hörer, die alles Neue und Exotische toll finden, besitzt aber durchaus eine Qualität, die an die des Buraka-Som-Sistema-Albums „Black Diamond“ heranreicht.

Die klangliche – und sozialwissenschaftliche – Verwandtschaft mit Baile Funk und anderen gehypten Ghettotech-Stilen wie -Künstlern, verschaffte dem Kuduro 2008 endgültig den Durchbruch in den westlichen Tanzflächenmarkt. Gepusht von den entsprechenden Blogs (maddecent.com, ghettobassquake, manrecorder) beschränkten sich die Erwähnungen doch vor allem auf einen Act, nämlich Buraka Som Sistema, oder bezogen sich weiter auf Kwaito – die südafrikanische große Schwester von Kuduro. Den Portugiesen und Kubanern Buraka Som Sistema lässt sich durchaus vorhalten, sie würden auf der Ghettotech-Welle unter dem Label eines neuen, originären, eigentümlichen Stils die Sahne abschöpfen, während die angolanischen Künstler in die Röhre gucken. Allerdings präsentieren Buraka Som Sistema eben mit der Unterstützung dieser Künstler sowie Diplo, M.I.A. und Bonde Do Rolê auf „Black Diamond“ eine sich in alle Richtungen absichernde, klanggewaltige Bass- und Beatlawine. Der angeführte Vorwurf führt zu nichts, spricht die Musik doch erfolgreich für sich selber und wird durch die multiplikative Wirkung der Blogs und Diplos nicht schlechter.

Buraka Som Sistema spielen auf „Black Diamond“ eine primär europäische Sichtweise des Kuduro. Ob man es „Progressive Kuduro“ nennt, die Techno-, HipHop- und Dubstep-Einflüsse des Albums würdigt oder festhält, dass es, statt die exzessive und exzentrische afrikanische Tanzfläche zu bedienen, eher die M.I.A.-, Justice- und Diplo-vorgeprägte westliche Rave-Jugend anspricht, „Black Diamond“ macht zielgruppen-spezifisch alles richtig.

Das erste Albumdrittel klingt dementsprechend zu weiten Teilen zwar mitreißend, aber vor allem bekannt, obwohl es das nicht ist. Die klangliche Nähe zu gewissen brasilianisch gewürzten Diplo-Produktionen und -Mixen und damit auch zu M.I.A., die in „Sound of Kuduro“ gleich mit ans Mikrofon darf, sorgt für ein Déjà-Vu-Gefühl, das im gesamten Verlauf des schwarzen Diamanten immer wieder auftaucht, aber besonders bedrohlich über den ersten vier Tracks hängt. Das heißt, ein bollernder Bass in Verbindung mit nach außen hin karibisch angehauchten Klängen dominiert vielfach die Tracks, auf die sich sogar im Zeitraffer Samba tanzen ließe. Besonders bedauerlich ist dieses scheinbare Déjà-Vu im Albumopener „Luanda-Lisboa“, der vom Titel her die Brücke zwischen Kuduro-Heimat Angola und dem Ursprung von Buraka Som Sistema in Lissabon schlagen will, sowie dem erwähnten „Sound Of Kuduro“, das neben portugiesischen Maschinengewehr-Raps und M.I.A.s Vocals durch seine Disko-Sirene auffällt. Buraka Som Sistema hätten perfekt Platz gefunden auf der Manrecordings-Bühne des 2008er Melt!-Festivals. Rave-Hysterie entfaltet sich im Übermaß selbst im zunächst abgebremst daherkommenden „Kalemba (Wegue Wegue)“.

Wird kurz Buraka Som Sistemas Rolle als Kuduro-Aushängeschild, als neuestes Ghettotech-Flaggschiff, als Produzenten der potentiellen Rave-Hymnen 2009 ignoriert, dann überzeugt „Black Diamond“ am meisten in den Momenten, in denen zwei von diesen drei Bezeichnungen nur im Hintergrund stattfinden. Das wären der Früh-90er-Rave-Hit „IC19“, die Grime-geschulten „Tiroza“ und „Yah!“ und der den UK-Garage-Bezug ins heute reitende „Skank & Move“ mit Raps von Kano. Letzteres bildet einen der Höhepunkte des Albums. Ebenfalls dazu gehört „General“, in dem Folklore auf billig-Eurodancetrash und perkussive Electro-Spielereien trifft. Besonders aber gilt die Annahme, Kuduro hinter sich zu lassen, mache das Album nachhaltig wirksamer, für das abschließende „New Africa“. Dessen atmosphärisch dichte Percussion-Kulisse mit wechselnden Drum-Mustern und -Tempi bricht zwar besonders stark mit dem Grundcharakter des Albums, bindet aber den Buraka-Som-Sistema-Kosmos ein in den größeren Kontext elektronischer Musik (Dubstep, Techno, Breakbeats). Das vermag das bloße Bass- und Beatschieben der Partytracks nicht. Natürlich sind es diese Partynummern, die das Publikum von Buraka Som Sistema erwartet. Sie sind aber nicht die Momente, die „Black Diamond“ überleben lassen, es über pure hedonistische Arschwackelei hinausheben und es von Gallianos „Kuduro Sound System“ unterscheiden.

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