Anna Ternheim – Leaving On A Mayday

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Anna Ternheim hat sich entschieden. Statt weiter allein am See Musik zu machen und ein popweltweiter Kritikerliebling zu bleiben, möchte sie Popstar sein. Und das ist gut so. Erreichen will sie dies mit „Leaving On A Mayday“ und Björn Yttling von Peter, Björn & John als Produzent. Nach dem überragenden Debüt „Somebody Outside“ und „Separation Road“ als zugegebenermaßen überbewertetem, doch immer noch sehr guten Nachfolger schaffen Ternheim und Yttling hier ein gewollt massentaugliches drittes Album, das ganz bewusst Ternheims bekannte Stärken mit offenkundigen Anlehnungen an Peter, Björn & John verbindet, um so Ternheim voran zu bringen.

Anna Ternheims glockenklare, nie fröhliche, sondern immer sentimentale Stimme verbindet sich auf „Leaving On A Mayday“ mit vielschichtigeren, gelegentlich gar überladenen Arrangements, wird von Effekten umgeben und verliert doch nichts an ihrer Dringlichkeit. Yttlings Streicher und sein Faible für perkussive Untermalung der Stücke, seien es Trommeln oder eigentliche Melodie-Instrumente, tragen eine an „Writer’s Block“ erinnernde Stimmung bei. Die rhythmische Betonung vieler Stücke verstärkt die Ohrwurmqualitäten des Songwritings, und die Halleffekte nehmen der Stimme häufig ihre Ecken und Kanten, betonen die Sentimentalität des Gesangs gelegentlich übermäßig. Einen wirklichen Schaden nehmen Ternheims Songs dadurch allerdings nicht. Die Neuerungen im Klang stellen sie vielmehr in einem vielseitigeren Licht dar, wie es auch schon bei „Separation Road“ der Fall war.

Die alte Anna strahlt am stärksten in den ihren Gesang hervorhebenden, eher einfachen Stücken wie „Off The Road“ oder „Black Sunday Afternoon“ gegen Ende des Albums. Ähnliches gilt für „Summer Rain“, das mit dem schattigen Backgroundgesang Generationen amerikanischer Folklore zitiert. Allerdings unterscheiden sich diese Nummern vielfach nur wenig von „Separation Road“. Doch dies ist das Ende von „Leaving On A Mayday“. Zu Beginn eröffnet das hymnisch produzierte „What Have I Done“ den Reigen großer Popsongs, die das Album bestimmen. Hinzu gesellen sich das zerbrechliche „Terrified“ auf schwerer Streicher-Dünung und das bedrohlich bombastische „Let It Rain“ über sich verschränkenden Trommelschichten. Auch „No, I Don’t Remember“ hätte ohne Probleme bereits auf „Separation Road“ gefunden werden können, besticht aber im zugrunde liegenden Songkonstrukt durch die Nähe zum Debüt. Dagegen erklingt in „Losing You“ eine ganz neue, forsch voranschreitende Anna Ternheim.

„Leaving On A Mayday“ ist ein wunderbares Popalbum. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger. Sollte Anna Ternheim mit ihrem dritten Album tatsächlich in die Höhen einer Katie Melua, einer Dido vorstoßen, dürfen wir bedauern, sie nicht mehr für uns allein zu haben, aber dann ist das so und erfreulich ist es auch.

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