Various Artists – Final Song #1

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Bei der Besprechung all der zu beachtenden Kleinigkeiten fragte der Bestattungsunternehmer, ob denn ein bestimmtes Musikstück im Rahmen der Trauerfeier gespielt werden solle. Eine Frage, die spätestens seit Nick Hornby in der Tat vertraut sein dürfte. Dennoch überraschte sie und wurde verneint. Hätten aber Smetanas „Moldau“ oder Felix Mendelssohn Bartholdys „Italienische“ gepasst?

Erstaunlich ist, dass bisher noch keine Plattenfirma auf die Idee kam, eine solche Frage an Künstler oder Prominente heranzutragen, bzw. sie unter Umständen einfach noch nicht vollständig umgesetzt hat. „Was wäre deine gewünschte Abschiedsmusik, sollte das Stück sein, das deine letzten Momente begleitet?“ Tatsächlich reizt eine Zusammenstellung egozentrischer Selbstdarstellungen von David Beckham, Tom Cruise, Madonna oder Oliver Pocher aus den Häusern Universal, Edel oder EMI kaum bis gar nicht; fände aber sicher reißenden Absatz.

Glücklicherweise hat es zuerst ein so genannter Indie – nämlich die Electroheimat Get Physical – gewagt, die durchaus unverschämte und die Privatsphäre potentiell verletzende Frage an DJs heranzutragen und die Antworten hier vorliegend im Rahmen einer Compilation zu veröffentlichen. Die Namen der angefragten Künstler garantieren bereits ein Ausbleiben musikalischer Ausfälle wie auch eines peinlich berührten Fremdschämens. Dennoch und unabhängig von den Kommentaren der Antwortenden erlaubt die individuelle Auswahl jeweils Einblicke in die Persönlichkeit. Dies bildet dann in der Tat einen Hauptreiz der Sammlung, neben der Herausforderung an den Hörer selbst, sich jenseits von Zukunftsangst oder Egozentrik mit der eigenen Endlichkeit und den dreizehn hochklassigen Tracks, die untereinander aber relativ wenig Kohärenz besitzen, auseinanderzusetzen. Letzteres schadet dem Mix-„Tape“ jedoch nicht.

Get Physical präsentiert auf „Final Song Volume 1“ die letzten Lieder von Künstlern wie DJ Hell, Storm, Laurent Garnier, Gilles Peterson, Coldcut und Ricardo Villalobos. Ausgewählt wurden von diesen und mehr unter anderem The Stranglers („Golden Brown“), The Beach Boys („’Til I Die“), Cerrone („Supernature“), Radiohead („Sit Down Stand Up“), Photek („Modus Operandi“), Link („Amenity“), Brian Eno („An Ending (Ascent)“), Erik Satie („1. Gymnopédie“) oder Pharoah Sanders („Astral Travelling“). Klassik, Pop, Electro, Disco, Alternative, Oldies, Ambient, Folklore, Techno und Jazz gehen in harmonischer Weise ineinander über und führen auf eine Entdeckungsreise, die selbst altbekannten Stücken neue Dimensionen verleiht. „Final Song Volume 1“ ist eine spannende, eine sogar rührende und möglicherweise sogar wichtige Compilation. Eine Sammlung, bei der jeder Song bei jedem Hörer ganz neue, eigene, kontextbezogene Assoziationen hervorruft.

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