The Qemists – Join The Q

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The Prodigy begeistern seit ihren frühen Tagen (oder begeisterten in diesen Tagen) Electronic-Noise- wie Rock-Fans mit ihren hart rockenden Beats. Immer schwang und schwingt bei ihnen eine Wurzel im UK-Garage-Sound mit. Für viele verlor die Band zwar schnell ihren Reiz, die Soundästhetik jedoch überlebte: Die Mischung aus Rock und Garage, sowie Rock und harten Dancetunes findet sich seitdem bei ungezählten Acts. Im Jahr 2008 versuchten Hadouken! mit verpoppten Versionen der Mischung aus Garage und Indie die Hype-Gläubigen zu faszinieren. Auch die Drum’n’Bassler von Pendulum verschoben ihren Sound in Richtung Stadionrock. Mit Abstrichen ordnen sich auch Enter Shikari in die Nachfolge von The Prodigy ein.

Wie bei Hadouken! mischt sich im Hören des The-Qemists-Debüt-Albums „Join The Q“ Faszination über den Rock-Band-Ansatz eines Garage-Albums – hier vornehmlich Drum’n’Bass – mit Grauen ob der Umsetzung. Hat die Welt wirklich auf ein solches Breakbeat-Feuerwerk in Band-Umsetzung gewartet? Nein, oder … etwa doch?

Es verhindert auch keine Mike-Patton-Kollaboration die Feststellung, dass es sich hier weitgehend um ziemlichen Müll handele. Dummerweise um Abfall, der ein Eigenleben besitzt und den Hörer ganz fürchterlich in den Hintern tritt, die Beine in Bewegung setzt, den Verstand ausschaltet – chemisch oder psycho-aktiv wirksam also und vor allem hochinfektiös. Die nachhaltig lohnenden Tracks streut die Band vereinzelt, aber selbst die schlechten Tracks beinhalten immer mindestens eine halbe gute Idee. Die „Zukunft der Musik“ ist das Album dennoch sicherlich nicht, aber es besitzt ein hohes Maß der nötigen dreckigen Energie für den guten Augenblick.

Meist deutlich an den Breakbeats des Drum’n’Bass orientiert, aber offenbar nur mit den Songwriter-Fähigkeiten einer mittelmäßigen Rock-Band gesegnet, versuchen The Qemists, elektronische Hardcore-Monster im Stile eines Alec Empire zu schaffen, präsentieren aber auf dem Album Songs mit durchschnittlich so wenig visionärer Kraft wie Linkin Park und deren Rap-Projekte – nachzuhören vor allem im Track „Drop Audio“ mit MC ID. Dafür feuert selbst dieser Track aus allen Maschinengewehrrohren und mit einer Gewalt, als hätten Rage Against The Machine sich nicht zum rein finanziellen Comeback, sondern zur Selbsterneuerung im Electroclub eingefunden.

Als mehr oder weniger Totalausfälle, die dem Hörer trotzdem effektiv die Zähne austreten, entpuppen sich – neben „Drop Audio“ – „When Ur Lonely“, „Lost Weekend“ mit Mike Patton und das eröffnende „Stompbox“. Restlos überzeugen dagegen Nummern wie das sphärische „Got One Life“ mit Navigator oder der Grime-Rock-Hit „Dem Na Like Me“ der Wiley ans Mikrofon lässt. Den Kehraus jedweder Gegenstimmung, den vollkommenen Meinungsumschwung, die restlose Begeisterung, die im ersten Albumdrittel bereits Jenna G. in „On The Run“ und im Mittelteil „S.W.A.G.“ andeuten, führt das treffend betitelte „The Perfect High“ zum Abschluss herbei. Um die Schizophrenie der Meinung, die Begeisterung wie den Ekel auf den Punkt zu bringen: So erbarmungslos, so feindselig den Gehörgängen gegenüber, wie „Stompbox“ voran prescht, ist selbst ihm eine positive Widmung nicht zu nehmen.

Die Indiefizierung und Rockisierung des Electro schwemmt eine Band nach der anderen nach oben, deren Musik sich bei näherer Betrachtung meist als langweilig erweist. Bei The Qemists deutet sich größeres Potential an. Bis sie es umsetzen, muss aber wohl einiges an Rocker-Vergangenheit abgelegt oder zumindest kreativ umgewandelt werden. Da ändert auch nichts dran, dass sie seit mehr als zehn Jahren als Drum’n’Bass-DJs unterwegs sind. Vielleicht müsste einfach noch die ein oder andere Mike-Patton- oder Alec-Empire-Platte mehr und gründlicher studiert werden. Aber wen kümmern schon solche Kritteleien, wenn die Musik mit der gezeigten Energie voranprescht?

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