Flying Lotus – Los Angeles

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Steven Ellison – Großneffe von John Coltrane – lädt den Hörer auf seinem zweiten Album „Los Angeles“ auf eine abstrakte Reise durch HipHop, Jazz, TripHop und Dub ein. Jazz steht hier für Polyrhythmik und Synkopierung, Dub für die Konzentration auf den Rhythmus unter weitestgehender Auslassung des Gesangs; Hip- sowie TripHop meinen Interpretationen genre-typischer Methoden, die das bisher Bekannte verallgemeinern. Etwas, das – nicht zuletzt, da der Sound von Flying Lotus dort explizit Pate stand – ebenso bei Portisheads „Third“ nachzuhören ist.

Wie eine abstrakte Skulptur formt Ellison diese auditive Reise. Siebzehn Tracks lang negiert er jede Songstruktur, leitet den Hörer von Muster zu Muster, verwebt sie, lässt sie ausklingen, um sie später wieder aufzugreifen. Seien die Tracks kurze Intermezzi oder längere Abschnitte, die in sich selbst immer wieder aufbrechen und neuen Strukturen Platz geben, alles fügt sich in einer kontinuierlichen klanglichen Grenzerfahrung aneinander. Ein solches Erleben, ein Lynch’esker Trip erschreckt unschwer, doch „Los Angeles“ strahlt in all seiner Komplexität eine unwahrscheinliche Wärme aus. Ein Empfinden, das dem maschinellen, einer düsteren Dystopie entspringenden Charakter der Tracks widerspricht. Die Wärme erzeugt das pseudo-analoge Rauschen und Knistern, das den meisten Nummern inne ist. Das Futuristische folgt aus der Überlagerung und dem Nebeneinanderstehen verschiedener, in sich gleichförmiger, mechanisierter Beat- und Rhythmusformen.

Wie Autechres „Quaristice“ und Portisheads „Third“ lohnt es sich bei „Los Angeles“ subjektiv, die persönliche Wahrnehmung der klanglichen Reise, all die ausgelösten Empfindungen in Worte zu fassen. Von den anfänglichen, pulsierenden Synthesizer-Flächen in „Brainfeeder“ über die vokalumlagerten Drumcomputer-Muster in „Riot“ und die gedämpften, klassischen Basslinien in „GNG BNG“ bis zum eindringlichen, Angst einflössenden Gute-Nacht-Lied „Aunties Lock/Infinitum“ zum Abschluss verdient es jeder Moment, verdienen alle Wendungen und Taktwechsel ihre spezielle Würdigung. Andererseits verfälschte eine subjektive Hervorhebung einzelner Fragmente mehr, als sie helfen würde; vor allem jedoch zerstörte der Versuch allein die Magie dieser facettenreichen Reise voller Harmonie, dieser vielen kleinen, jedoch ineinander greifenden klanglichen Abstraktionen der Welt als Gesamtheit dessen, was ist.

Vom anfänglichen monotonen Pochen der Synthesizer aus verfeinert sich der Klang im weiteren Verlauf immer mehr. Nachdem in „Beginners Falafel“ hell aufplatzende Klangblasen durch die Musik aufsteigen, (ver)führt „Camel“ in orientalische Opiumräusche und „Melt!“ agitiert mit hektischer Perkussion zur Huldigung des Chaos. Dieser – alles in allem – meditativen Grundatmosphäre schließen sich die beat-orientierten, direkteren Stücke an. Direkter heißt jedoch nicht eindringlicher, das ist „Los Angeles“ bereits von der ersten Sekunde, sondern es meint offensiver, aggressiver. Einerseits schieben sich mehr zerstörte, dem Genre Glitch entspringende Effekte ein, andererseits pocht weniger der Synthesizer als der Drumcomputer. All dies kulminiert im erwähnten spannungsgeladenen „Riot“, dem intensiven, vorwärts peitschenden „GNG BNG“ und dem schneller abgespielte Disko-Sounds mit hektischen Polyrhythmen verbindenden „Parisian Goldfish“. Insbesondere „GNG BNG“ beeindruckt mit der spielerischen, aber den Hörer verwirrenden Leichtigkeit, mit der vom billigen 70er Jahre Kojak-Soundtrack zu sitar-geschwängerten Tanzsounds zu pumpenden Electro-Beats gewechselt wird.

Im Folgenden wirkt selbst zerstörter Bleep und Clonk Klang erholsam. Etwas – die Erholung –, was Steven Ellison aka Flying Lotus uns wohl gerne gönnt. Das letzte Albumdrittel beschließt „Los Angeles“ harmonisch-jazzig in der Tradition all der großen Acts der 90er und 00er Jahre, die Jazz und Dancefloor, Jazz und Electronica zusammen dachten und brachten. Wie alles an diesem Album, bestände hier die Gefahr, entweder seicht oder aber übermäßig avantgardistisch vorzugehen. Glücklicherweise besitzt Ellison das Talent, beides zu vermeiden. Eine weitere Fähigkeit dieses Künstlers, neben dem Vermögen unterkühlte Klanggebilde zu schaffen, die dennoch wärmen, die zudem einen subtilen Funk besitzen, die mitreißen und faszinieren, die einfach gut sind.

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