Various Artists – An England Story: From Dancehall To Grime

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Die Qualität der Compilations aus dem Hause Soul Jazz Records könnte Ende 2008 tatsächlich auch im Overground bekannt sein. „An England Story“ versucht die Geschichte des MC im vereinigten Königreich nachzuvollziehen, von Reggae-Tunes über Jungle bis Grime und Dubstep, betont so aber vor allem die Reggae/Dancehall-Wurzeln selbst neuester Entwicklungen und huldigt so nicht nur den vertretenen Künstlern der letzten 25 Jahre, sondern immer insbesondere den karibischen Urvätern und ihrem Bass. Die Lektüre der Liner-Notes relativiert diesen Eindruck ein wenig, aber die gut zwanzig vertretenen Songs sagen in erster Linie „Reggae Rules“. Für eine wirkliche Historie des MCs in allen Subgenres inklusive aller Künstler reicht die Spielzeit zweier CDs nicht. Das schadet nicht, sondern stellt klar: So sehr die Compilation dokumentarisch angelegt ist, so sehr geht es auch darum, den Hörer zu unterhalten.

Entsprechend fehlen die großen Fußschütteltracks. Jakes & TC vertreten Drum’n’Bass zwar treffend, jedoch eher einfach gestrickt, wie auch Navigator in „Ruffneck“, produziert von den Freestylers, vor allem die Bleichgesichter auf dem Neon-Rave bedient. Skibadee präsentiert sich in „Tika Toc“ als klassischer UK-Garage, als Verbindung von HipHop und Dancehall inklusive Patois und klassischem Dancehall-Sample. Glamma Kids „Fashion Magazine“ führt gebremst-gemütlich, bassintesiv Jungle-inspiriertes vor. Ähnlich, aber reduziert produziert steht Slush mit „Dollar Sign“ für die Entwicklung von UK-Garage hin zum Grime, dessen Verbindung zu Dancehall der wieder basslastig, klickende „Ice Rink Riddim“ belegt, wogegen Doctor und Davinche eher den synthetischen Grime repräsentieren.

Die größte Stärke dieser Geschichte Englands besteht in der (Re-)Präsentation heute weniger gegenwärtiger Künstler und Genres, ohne dass diese dazu zwingen würde, sie zeitlich oder stilistisch zuordnen können zu müssen. Tippa Iries verspielt-hektischer „Complain Neighbour“, Suncycles geringfügig asiatisch beeinflusster Dancehall „Somebody“ oder Tubby Ts Soul-Reggae „Ready She Ready“ funktionieren ohne jede Erklärung zeitlos. Gleiches gilt für das absolute Highlight der ersten Hälfte der Compilation, Tys Re-„Vox“ von Roots Manuvas „So You Want More“. Massiver Bass, ruhige Vocals und darunter gemischt „Bollywood“-Samples, so bindet der Track die andere große britische Einwanderergemeinde ein und schließt so die jamaikanischen Einflüsse mit Desi- und Bhangra-Musik zu Bhangramuffin (Bhangra plus Ragamuffin) kurz. Des Weiteren erwähnt werden müssen Tenor Flys Karibikhymne „Bump & Grind“, so wie der ruhig dahin fließende HipHop-Hit „Red Letter“ von Blak Twang.

Nicht alles ist Gold auf „An England Story, From Dancehall To Grime, 25 Years Of The MC In The UK, 1983-2008“. Doch die Übermacht guter Tracks macht aus der Compilation eine Wundertüte voller Entdeckungen aus dem Hause Soul Jazz Records.

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