Bishi – Nights At The Circus

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Bereits im Frühwinter 2007/2008 erkor die Spex Bishi mit ihrem Album „Nights At The Circus“ zu einem der wichtigen Themen des nun vergangenen Jahres. Im November 2008 erschien ihre Mischung aus Barock, Rock, als Desi Klassifizierbarem und Electro endlich offiziell im „.de“-Raum. Die BBC veröffentlichte ihre Review unter eben der Klassifizierung „Desi“ – eine selbstreferenzielle Beschreibung einer südasiatischen Abstammung –, sie hätte jedoch ebenso gut und vielleicht sogar besser unter Electro, Folk oder Brit-Pop platziert werden können. Die BBC zitierend sei festgehalten: Bishi hält sich auf ihrem Album – wie auch schon Natasha Khan – fern von den populären Genres R’n’B oder Bhangra.

Ihren Hintergrund als Electro-DJ berücksichtigend, steht Electronica ebenfalls erstaunlich im Hintergrund. Beats und Clicks brechen sich eher selten Bahn – begleitend in „I Am You“ und offensiv in „Never Seen Your Face“ sowie „On My Own Again“. Prominenter – und in jedem Stück vertreten – nutzt Bishi ihre Sitar, die allerdings nicht zwangsweise orientalische Assoziationen hervorruft. Diesem Zweck dient sie auch, klingt aber ebenso häufig barock oder westlich folkloristisch im Sinne einer Harfe.

Sozialisiert in einem Gleichgewicht aus klassischem englischem Folk, Britpop und orientalischer Tradition, verbindet Bishi auf „Nights At The Circus“ all diese Einflüsse auf überraschende, nie provozierende und immer harmonische Art und Weise. Vergleiche mit ihrem Kindheitsfreund Patrick Wolf sind zwar möglich, aber nicht wirklich zielführend. Bishi schafft Popnummern, die sowohl eingängig sind, wie sie von Eigenständigkeit und künstlerischem Anspruch zeugen.

Bevor Bishi sich zum Abschluss mit dem sphärischen, sentimentalen „Namaste“ bedankt, das vielleicht eine der besten Pop-Nummern des Jahres ist, reist der Hörer durch eine stilistisch vielfältige Nacht. Der Titeltrack klingt nach Cornershops süd-asiatischem Brit-Pop, bestätigt also erst einmal – wie auch später „Never Seen Your Face“ die Fassade. Doch schon „Magus“ fügt dieser Ursuppe barocke Formationstanz-Klänge, osteuropäische und britische Folklore hinzu, betont aber gleichzeitig die Sitar, die in „The Swan“ noch prominenter hervortritt und alle paar Takte zwischen westlichem und orientalischem Klang wechselt. „Nightbus“ schunkelt in After-Hour-Stimmung – mit allen Implikationen – nach Hause, wogegen „Broken Creatures“ mit treibenden Tabla-Klängen den Hörer verfolgt, auf dass er auch ja in „On My Own Again“ zu tanzen anfängt.

Gerade die Vermischung der unendlich vielen Elemente – ohne sie alle einzeln expressiv präsentieren zu müssen – macht aus dem Album eine so spannende musikalische Zirkusvorstellung. Die Inszenierung erlaubt tatsächlich, den Titel einer Nacht im Zirkus als Leitbild zu interpretieren. Eine alternative Sichtweise legte statt Zirkus den Fokus stärker auf eine Weill’sche, kabaretthafte Atmosphäre. Beides steht im Widerspruch zu einer möglichen Erwartungshaltung, die hinter der Fassade aus Cover und Ursprung eher ein (fantastisches) Bollywood-Electro-Album vermuten lassen würde. Gerade indem Bishi Britpop wie Folk, Barock – im Sinne des Pop wie der Epoche – wie Kabarett und Zirkus einbindet, den eigenen Hintergrund dennoch nicht verleugnet, ironisiert sie sowohl unsere Hör- wie Wahrnehmungsgewohnheiten, aber auch augenzwinkernd sich selbst.

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