Peter Fox – Stadtaffe

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Was wäre aus diesem Album geworden, wenn Peter Fox tatsächlich wie geplant ein Album für Cee-Lo produziert hätte? Wahrscheinlich wäre es nicht halb so erfolgreich, wie es ist, denn es klänge viel weniger nach Peter Fox’ aka Pierre Baigorrys aka Enuffs anderem Projekt namens Seeed. Tatsächlich könnte nahezu jeder der auf „Stadtaffe“ vertretenen Tracks auch vom letzten Seeed-Album „Next!“ stammen. Manchmal erscheint es sogar, als seien die Beats arg nah an der damaligen Single „Ding“ angelehnt. Der Stadtaffe – „ej Alter, mit dem Bart siehst Du aus wie ein Stadtaffe“ – Fox erhebt sich auch lyrisch nicht über das Niveau seiner Hauptgruppe. Zwischen lustig und peinlich, zwischen berührend und platt singt und rappt er über die Liebe, den Körper und die Schönheit wie die Abgefucktheit des Lebens und der Welt.

Seeed forcierten Anfang der 2000er den kurzen Höhenflug des deutschsprachigen und in D-Land produzierten Reggae und Dancehall, der heute seine Fortsetzung im Prollhall Marke Culcha Candela findet. Ein Phänomen, das, so viel grandioses es hervorbrachte, doch schnell langweilig wurde, so dass auch bereits das zweite Seeed-Album den Schreiber nicht mehr wirklich interessierte. Weitere Sympathien gingen im Frühjahr 2008 verloren, als Seeed den offenen Brief der „Industrie des geistigen Eigentums“ unterzeichneten.

Das alles tut jedoch relativ wenig zur Sache bezüglich des „Stadtaffen“, denn bei aller textlichen, musikalischen und beat-technischen Nähe zu Seeed, macht Peter Fox‘ Solodebüt einfach Spaß und überzeugt zudem weitestgehend sogar auf musikalischer Ebene. Ein Verdienst, der weniger Peter Fox und Vincent Graf von Schlippenbach aka DJ Illvibe gebührt, wofür vielmehr dem Filmorchester Babelsberg und seinem Leiter Günter Josek sowie Gunter Papperitz für die entsprechenden Partituren zu danken ist. Vereinfachend ließe sich sagen, die Tracks sind umso überzeugender, desto prominenter Orchester-Sounds in ihnen vertreten sind. Im Umkehrschluss: Je unauffälliger das Orchester eingebunden wird, je mehr die Tracks nach Seeed klingen, desto weniger wissen sie zu gefallen. Der Regel folgend gehört „Zucker“ zu den schwächsten Songs auf „Stadtaffe“ und funktioniert mit seinem zwar wortgewandten und doppeldeutigen Text doch vor allem als Track zum Hinternwackeln auf der Tanzfläche. Ein Einsatzgebiet, in das „Zucker“ von „Schüttel Deinen Speck“, „Der Letzte Tag“ und „Lok Auf 2 Beinen“ begleitet wird, die jedoch Dank karibischer und orientalischer Bläserklänge („Schüttel…“, „…Tag“) und Bassgewalt durchaus begeistern können. Das Dschungel(buch)fieber bricht dagegen passend im Titeltrack aus, der trotz erwähnter Bassgewalt wenig mehr als Füllmaterial ist.

Den gewinnendsten Charakter – der auf das ganze Album ausstrahlt – besitzen jene Tracks, denen das Filmorchester den Charakter eines Filmscores verleihen und in denen Fox’ Texte am ehesten als erzählte Geschichten zu werten sind. Dafür stände einerseits das schweißtriefende Sommermärchen „Fieber“, aber vor allem das zurückgelehnt-melancholische „Ich Steine, Du Steine“ (ein weiterer Rio-Reiser-Gedächtnistrack), das treibende, zittrige „Das Zweite Gesicht“ sowie die realitätsnahe Großstadt-Ode „Schwarz Zu Blau“ definieren diese Seite des Albums. „Kopf Verloren“ verbindet orchestralen Bombast mit hektischen Schlagzeugspuren.

Peter Fox’ „Stadtaffe“ bietet viel mehr, als nach den letzten Seeed-Veröffentlichungen zu erwarten gewesen wäre, und auch mehr als die ersten Singles – die zwiespältige Chill-Out-Nummer „Haus Am See“ und das mitreißende „Alles Neu“ – versprechen. Allerdings zeigt besonders „Alles Neu“ energetisch treibend in seiner Verbindung aus Orchester-Arrangements und Beat bereits, wo die Reise hingeht. Um sich der Energie dieses bärtigen Fuchses im Affenkostüm zu entziehen, braucht es tatsächlich mehr Argumente als Missfallen an seiner Stimme.

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