Dinky – May Be Later

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Berlin, Heimat elektronischer Musik jeder Art, wahrscheinlich auch jeder Güte. Die Güte von Alejandra Iglesias’ aka Dinkys erstem Album auf Vakant (ihrem dritten insgesamt) ist dabei unbestritten. Die gebürtige Chilenin präsentiert ihre Minimal-Künste auf „May Be Later“ in einer phasenweise verwirrenden, aber immer gefangen nehmenden Reise. Einem Trip, der bestimmt ist von Dinkys Liebe zu Dissonanzen, dabei aber nie übermäßig anstrengt, einer Tour voller Brüche und Sprünge, die aber am Ende nie gezwungen oder gar unlogisch erscheinen.

So beginnt das Album mit „Mi Amor“ und „Mars Cello“ zurückgelehnt-ambient mit sich sanft umeinander webenden Rhythmen, die die Luft Südamerikas („Mi Amor“) ausströmen und auf Dauer eine unglaubliche Sogkraft und eine begeisternde Intensität besitzen. Introvertiert und abgeschlossen wirkend, hypnotisieren einen die einzelnen Schichten, versetzen den Körper nur langsam in Bewegung und lassen ihn dann erst recht nicht mehr los. „Mars Cello“ ist von beiden der geringfügig geradlinigere Track, vermischt zudem jedoch noch mehr Effekte, umgibt den geraden Techno-Beat mit noch mehr den Hörer gefangen nehmenden Lagen. Subtil zieht Dinkys diskreter Funk einen auf seine Seite.

Dort angekommen, erfolgt nach einer Viertelstunde der erste große Bruch. „Burdelia“ erhöht die Geschwindigkeit. Im Vergleich sehr offensiv und mehr auf die Rhythmik denn auf die Atmosphäre bedacht, gehen Samples und digitale Klangeffekte eine Verbindung ein, die zum Tanzen auffordert. Insbesondere klar herausgeschälte, latein-amerikanische Rhythmen geben dem Minimal-Genre hier eine neue Ausrichtung, die sich mittels Jazz-Samples (Vocals und Bläser) noch einmal verzweigt. Beeindruckend. Ähnlich direkt setzt „Fademein“ das Album fort und deutet bereits an, dass Dinky dem Minimal im Laufe des Albums noch eine Menge Berliner Electronica hinzufügen wird. Housig und doch aggressiv gehen Dinky und Vokalist Jorge González hier zu Werke. Der Bass pocht und zirpende Synthie-Sounds umschwirren ihn wie aufgeregte Insekten oder Vögel. Das Tempo bleibt auch bei „Seven 2 Seven“ hoch, House macht jedoch wieder Techno Platz. Die nötigen Freiluftekstase-Spielereien befriedigen hier die Tanzsüchtigen.

Der nächste Bruch erfolgt mit „She Is Moving“, das mit Big Bullys Gesang klingt, als ob die (ehemaligen) Berliner Electro-Soul-Exilanten (Gonzales, Peaches, Taylor Savvy, Jamie Lidell) sich einen Minimal-Produzenten ins Boot geholt hätten. Anders, aber ebenfalls überraschend folgt „Sunday Set“. Wieder Minimal, doch umwölkt von altbackenen House-Spielereien, ist es (vor allem in der ersten Hälfte) möglicherweise der schwächste Track auf „May Be Later“. Zudem wirkt das Album in der zweiten Hälfte doch teilweise ein wenig fahrig. „No Pressure“ mit seinen dubbig-esoterischen oder psychedelischen Klanglandschaften steht da beispielhaft. Einerseits ein faszinierender experimenteller Track, erscheint er doch wenig zum Rest gehörend.

Diese Einwände ändern jedoch nichts an der Feststellung, dass Dinkys „May Be Later“ einen würdigen Schlusspunkt auf ein – für den Schreiber – wirklich lohnendes Techno-Jahr 2008 setzt. In dem Jahr – wie auf dem Album – fehlte es vielleicht an den ganz spektakulären Klängen, doch das Niveau des gehörten – auf dem Album befindlichen – ist erstaunlich. Dafür steht auch das „May Be Later“ beschließende „Mind“, eine düstere Ambient-Achterbahnfahrt, die mal klingt wie Wolfgang Voigts Gas-Alben, mal wie Falses „2007“ und zuletzt sogar das Unmögliche macht, nämlich Dancefloorjazz – um nicht Brazilectro zu schreiben – mit Minimal-Techno zu verbinden und so eine weitere Tür ganz weit aufzustoßen.

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