Carl Craig & Moritz von Oswald – Recomposed by Carl Craig & Moritz von Oswald, Music by Maurice Ravel & Modest Mussorgsky

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Klassische Musik, klassische Aufnahmen neu zu denken, neu denken zu lassen, ist die Idee der Recomposed-Reihe der Deutsche Grammophon. Wie sehr ein solches Vorgehen ein Unterfangen mit offenem Ende ist, zeigte nicht zuletzt Jimi Tenors Recomposed Version vor zwei Jahren. Tenor widmete sich Klassik jenseits der „ausgetretenen Pfade“ des Klassikradios und fügte Kompositionen von Esa-Pekka Salonen, Edgar Varèse und anderen eine starke visuelle, eine Kopfkino-Komponente hinzu.

Moritz von Oswald und Carl Craig setzen sich nun vordergründig mitten rein in den viel gegangenen Weg. Maurice Ravels „Bolero“, seine „Rapsodie Espagnole“ sowie seine Orchestrierung der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky dienen als Ausgangsmaterial. Genauer: Sechzehn einzelne Spuren von Aufnahmen aus den mittleren 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – dirigiert von Herbert von Karajan – werden genutzt um – unter Beibehaltung einzelner Ideen der Originale – Neues zu schaffen. Die Wahl der Stücke provoziert den Ausruf: „Wieso diese ausgelutschten Kamellen?“, die Umsetzung ein ungläubiges Aufsperren von Mund und Augen, sowie ein unverständiges Achselzucken. Die ursprünglichen Kompositionen und Aufführungen bedeuten für die hier präsentierten Rekompositionen fast nichts. Verwendete Ideen und Motive führen zu einem Effekt des Wiedererkennens, doch selten erscheint es, als habe es gerade dieses Loop, dieses Samples bedurft, um den wahrzunehmenden Effekt zu erreichen.

Die Originale werden von den Technoveteranen von Oswald und Craig nur als ein Element in der Schaffung von neun vollständig neuen Kompositionen genutzt. Die Entwicklung dieses neunteiligen Sets ähnelt dem Vorgehen bei einem chemischen Experiment. Um die leicht identifizierbaren Ruhephasen „Intro“ und „Interlude“ platzieren sich die so bezeichneten „Movements“ I bis VI.

Der Einschränkung entsprechend, „Bolero“, „Rapsodie“ und „Ausstellung“ seien nicht entscheidend, empfängt das „Intro“ als sphärisch-ambiente Wohnzimmermusik. Im Kontext der Verbindung von Elektronik und Klassik ließe es sich in Beziehung setzen zu Wolfgang Voigts unter dem Alias GAS veröffentlichten Alben. Alleinig Verwendung finden Synthesizer und ganz offenbar nicht die neuesten ihrer Bauart. Einen Beat zu suchen, bleibt ohne Erfolg, bis zwei Minuten vor Ende des „Intro“ langsam, aber unaufhörlich der unverkennbare Rhythmus des Bolero als gelooptes Fragment seiner selbst nach vorne schreitet, zwei sich wiederholende Gitarrentöne ihn aufnehmen und hinüberführen in „Movement I“. Samples und Loops einzelner Instrumente aus den ursprünglichen Aufnahmen ergeben einen ausschließlich perkussiven Track, in dem – das ist das eigene dieser Herangehensweise – aber doch nicht nur die einzelnen Instrumente, sondern ebenso die von ihnen ursprünglich gespielten Stücke erkennbar bleiben. Dies unterscheidet „Movement I“ auch von der Idee, der Methode der GAS-Alben, von einem Track wie „Zauberberg 2“. Dort gehen die – zum Teil klassischen – Samples in der Idee unter, ihre Übereinanderschichtung, ihre Unkenntlichmachung schafft etwas Neues, in dem sie nicht mehr erkennbar sind. Hier bleibt jedes Element und dient doch der Schaffung etwas eigenen. „Movement II“ erhält das Perkussive, überlagert die drei Ausgangsaufnahmen, nutzt die Instrumente mal in längeren Sequenzen, mal in einzelnen Tönen. Grundrhythmus bleibt unverkennbar der „Bolero“. Zwischen die neu genutzten alten Teile schiebt sich synthetisch Erzeugtes. Hektische Bläser-Samples geben den Einsatz für „Movement III“, in dem sich das Synthetische in den Vordergrund zu drängen versucht. Im Hintergrund blubbert es leise, bis plötzlich eine heiße Schlammblase hervorquillt. Die Bläser-Samples verabschieden sich in den Hintergrund, ein nervös flackernder Beat übernimmt die Kontrolle. Von einem sonst wie gearteten klassischen Ausgangsmaterial verbleibt Rauschen. Der Rest ist House. Wie auch „Movement IV“, die Single.

Spätestens hier lässt sich fragen, ob das vom Auftraggeber so gewollt sein kann und mit etwas Electrophonie lässt sich bewundern, wie schlüssig die Musiker in ihrem Set von klassischen Samples zu einem sehr exzentrischen Housetrack vorangeschritten sind. Im „Interlude“ bestimmen Dröhnen und Flirren, ursprüngliche Electronica, den Übergang zu den zwei großen, von Carl Craig und Moritz von Oswald jeweils alleine produzierten „Movement V“ und „Movement VI“. Das eine ergeht sich zunächst recht werknah, bis prominent der Beat einsetzt, tatsächlich die Originalwerke vertechnot werden. Beeindruckend der rituell wirkende Einsatz eines Flötensamples. Das andere, der Abschluss, nimmt sich zurück, betont das Hypnotische, das Sphärische, das meditativ Repetitive. Eher minimalistisch – der GAS-Bezug sei ein letztes Mal erlaubt – schlingen sich Samples der zugrunde liegenden sechzehn Spuren umeinander, während im Vordergrund einzelne Synth-Schleifen ihre Wege ziehen und insbesondere die Perkussion zum Tanzen einlädt. Einmal mehr jedoch eher im urtümlich rituellen Sinne.

Ganz nah an Ravel und Mussorgsky, an Karajan und den Berliner Philarmonikern, aber auch vollkommen ohne ihr Schaffen, produzieren Carl Craig und Moritz von Oswald ein Set, das die Auftraggeber bei der Deutschen Grammophon sicher überraschte, das vom Hörer sicher nicht so erwartet wurde, das Maurice Ravel vermutlich interessiert hätte. Urväter des Techno, Fachleute des Bass, geben hier Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine Neudeutung, indem sie eine Aufnahme der 1980er Jahre zerlegen, in Fragmenten verwenden, sie mit sich selbst kollidieren lassen und eigene Mittel und Methoden hinzunehmen. Im Hören des fertigen Produkts vollzieht der Konsument nach, wie die beiden Musiker improvisierend und in Form einer einjährigen Jam sich die Musiker „Bolero“, „Rapsodie Espagnole“ und „Bilder einer Ausstellung“ aneignen, erkunden und weiterentwickeln. Einfach genießbar ist das nicht. Interessant schon.

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