Barbara Morgenstern – bm

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In den mehr als zehn Jahren ihrer musikalischen Karriere hat sich die Wahlberlinerin Barbara Morgenstern als feste Größe in der deutschsprachigen Popmusik etabliert. Zwar eher ein Geheimtipp, dafür das sogar weltweit, schafft sie auf ihrem nunmehr fünften Album „bm“ zarte und sanfte, gedanklich und körperlich bewegende Popperlen zwischen Electronica und Piano-Ballade, zwischen luftig-leicht und abweisend düster. Die einfache Schönheit dieser mal melodischen, mal sperrigen Lieder wurzelt sowohl in Morgensterns anmutigem Gesang, wie in ihren Texten, wie in ihrem Piano-Spiel, wie aber auch in den dicht gestrickten Arrangements, die wahlweise Schlagzeug, Cello (Julia Kent von Antonys Johnsons), Chor, Gitarre und Elektronisches miteinander in perfekte Verbindung setzen. Ein meist sanfter Beat verweist auf die explizit elektronische Vergangenheit der Künstlerin.

„bm“ ist zuvorderst Musik zum Sich-darin-verlieren, sei es noch so bombastisch („Deine Geschichte“) oder noch so sperrig, es fasst den Hörer immer an Hand und Herz und gibt ihm Zuflucht vor zu viel Welt. Dies zeichnet besonders „Camouflage“ aus, Morgensterns Kooperation mit Robert Wyatt, die sich zu einem echten Hit entwickelt und vor allem Freunden des gepflegten Chamber Pop zwischen Antony und Tori Amos gefallen dürfte. Abgesehen von den zwei verquer-schönen Piano-Miniaturen „hustefuchs“ und „für luise“ sowie den beiden zerstörten („velocity“) bzw. fast tanzbaren („morbus basedow“), elektronisch dominierten Tracks fasst dieses Label – der Kammermusik – „bm“ durchaus gut zusammen.

Schon das eröffnende „driving my car“ zieht einen dreisprachig in seinen Bann, bevor mit „come to berlin“ ein sarkastischer Kommentar auf Berlin-Lobhudelei folgt, der Morgensterns textliche Genialität belegt und mit seiner klaustrophobischen und paranoiden Atmosphäre den Hörer fesselt. „reich und berühmt“ diskutiert ebenfalls nicht nur die persönliche Vergangenheit der Künstlerin wie ihrer Altersgenossen in einem von der elektronischen Tanzmusik gelernten Spannungsbogen, der typisch für „bm“ erscheint. Nachfolgend erhebt sich „deine geschichte“ zum bombastisch Hymnischen. „hochhaus“ dagegen erklingt leicht und beschwingt – jedoch nicht ohne Tiefe. Diese Doppelbödigkeit hat es mit „monokultur“ gemein, wogegen „meine aufgabe“ sehr eindimensional erscheint, durch sein Chor-Arrangement und Julia Kents noisiges Cello-Spiel dennoch gewinnt.

Auf „bm“ gelingt Barbara Morgenstern fast alles. Sie schafft damit ein sowohl belohnendes, einhüllendes, wie auch abstoßendes, ängstigendes Album, das mit jedem Hören neue Tiefen eröffnet. „bm“ ist ein an Höhepunkten nicht armes Album, aus dem aber dennoch das ambiente Spoken-Word-Avantgarde-Stück „jakarta“ sowie das Kammerpop mit offensivem Beat verbindende „morbus basedow“ herausragen.

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