Phoenix – United

am

Anfang Juni 2004:

Überraschungserfolge sind wohl für den Musikgenießer wie auch für den Musikschaffenden mit das Schönste. Denn wer hätte 2000 schon damit gerechnet, dass Phoenix mit ihrem Album United – vielleicht auch eher mit ihren Singles If I ever Feel Better und Summer Days solch einen Erfolg haben würden.

Beide liefen nicht nur in Spartensendungen wie „Der Ball ist Rund“ auf HR 3, nein, nachdem das Jugendradio (FRITZ, Eins Live, HR XXL) die soulig, funkig, poppigen Melodien der vier Franzosen entdeckt hatten, folgten selbst die Pop-Sender Marke FFN oder Antenne.

Das dieser Erfolg nicht von ungefähr kam, sieht man daran, dass die aktuelle Single Everything is Everything sogar bei VIVA im regulären Programm läuft – und nicht nur in der WOM-Verkaufssendung.

Wahrscheinlich traf der Erfolg Phoenix jedoch nicht ganz unvorbereitet. Immerhin hatten sie schon am Erfolg von Air teilgehabt als Instrumentalunterstützung.

Wie kommt aber eine Band zu einem Charterfolg, deren Musik auf den ersten Blick so unwahrscheinlich wirkt. Vier Franzosen, handgemachte Musik, Funk, Soul, Pop Marke 80er und gerüchteweise ein Quentchen Country.

Die Antwort ist einfach, wie sensationell und sollte Produzenten wie Bohlen und Konsorten zu denken geben: Sie schreiben himmlisch schöne und mitreißende Songs.

Alles fängt erstmal überraschend mit einem kurzen Instrumental an, das eigentlich nichts zu bieten hat als reichlich abgehangene Rock-Riffs aus den Siebzigern und ein Schlagzeug, das aber gerade deshalb ein perfektes Intro bildet und Spannung aufbaut. School’s Rules.

Doch schon Too Young bringt uns, was dies Album so liebenswert macht. Funky Whitemen Soul, leicht verzerrte Vocals und Melodien, die mitreißen und – obwohl auf den ersten Ton nicht wirklich tanzflächentauglich – zum Tanzen auffordern. In der Stimme immer ein leichtes Leiden – die Verzerrung – suggerieren Phoenix eine wahnsinnige „Liebe zum Leben“. Everybody’s Dancing. Oh Yeah. Mitreißend, Begeisternd, Toll.

Honeymoon beginnt mit Orgeltönen, die weniger zu einer Hochzeit als zu einer Beerdigung passen zu scheinen. Mit dem gleichen Leiden in der Stimme wird hier die perfekte Musik geliefert für eine lange Autofahrt durch die Nacht oder in den Sonnen(auf-)untergang, für eine Flasche Wein allein oder zu zweit zuhause oder am Elbstrand an einem lauschigen Sommerabend. Ein Song, der immer passt. Wie man überhaupt auch heute noch die Songs des Albums in Bars, Diskotheken, Radios, Kaufhäusern, aus Autofenstern und Wohnungen hört – zumindest hier in Hamburg. Ein Song voll Soul, voll Blues. Eine Melodie zum Schwelgen, einfach und doch belebend, einfach schön. Fünf Minuten, die das Zuhören lohnen.

Und es wird noch besser, denn es folgt der Smash-Hit des Albums. If I Ever Feel Better. Wäre ich leichter mitzureißen, würde ich jetzt ans Fenster gehen, es öffnen und lauthals „Hammergeil“ hinausschreien. So geht es mir seit ich den Song das ersten Mal gehört habe. Lebensfreude in Musik verpackt. Zum Tanzen, zum Cruisen, zum Liebemachen. Höre dies Lied und die Sonne geht auf an einem grauen Hamburger Apriltag.

Kaum verklingt der letzte Ton, stampft mit Party Time der Rock ins Haus. Zwei-Minuten, die eigentlich beim durchschnittlichen Publikum einen ähnlichen Effekt wie Blurs inzwischen fast unhörbarer Song 2 gehabt haben müssten, doch irgendwie blieb das aus. Summer Time is gone, und doch geht die Party weiter, weiter, weiter.

Wo wir schon mal Feuer gefangen haben, dürfen wir mit On Fire in den Chill Out einsteigen. Von der Party ins Auto zurück und weiter cruisen. Soul-Funk mit einem unglaublichen Chorus. Der Song lebt nicht zuletzt von Julia und Oliza, die den Backgroundgesang beisteuern. Soul-Blues-Funk-R’n’B und doch auch R’n’R.

Embuscade zeigt vor allem die instrumentalen Fähigkeiten von Phoenix, die ihren Reiz für Air ausgemacht haben dürften und bildet doch eigentlich nur die Überleitung zum nächsten Ohrwurm, zum nächsten wunderschönen Lied, das wieder das Cruisen groß schreibt, das den Sommer nur nicht im Namen trägt sondern auch fühlbar macht – im tiefsten Winter. Summer Days. Wahrscheinlich einer der besten Songs, die jemals geschrieben wurden; …zumindest jetzt so spontan aus dem Bauch heraus. Aus dem Herzen, … ausm Jefühl eben.

Franzosen: Air + Daft Punk = Phoenix!? Nein nicht wirklich, aber beim Funky Squaredance in seinen drei Teilen, lassen sich schon Eigenschaften der beiden Bezugspunkte erkennen. Squaredance steht für Country – und nicht die schönste Variante davon – entsprechend zeigt sich der Song auch in Teil 1, bevor dann die Schreie der Love-Choral-Society uns hinüberleiten in den Funk-Disko-House-Brazil-Teil. Let’s go Discotizing. Greetz. Der Teil, der auch Daft Punk gut stehen würde. Yeah. It’s a real Saturday Night at the Discotheque. Die Nacht ist vorbei – einmal mehr – einmal mehr steigen wir in unser Cabrio und fahren durch den anbrechenden Tag. Im Osten zeigt sich erste Helligkeit. Die Gitarre sägt uns dazwischen. Doch auf, wir fahren immer der Nacht hinterher. Bis zum nächsten Funky Squaredance.

Aber leider ist es jetzt schon vorbei. Wir werden rausgeschmissen. Definitive Breaks. Das Saxophon sagt uns Tschüß. Schön Dich zu sehen, aber jetzt ist Schluss. Verschwinde aus meinem Haus. Good Bye. C U next time. Adios. Ciao.

Und wir gehorchen. Gehen. Trauern. Aber wissen es wird weitergehen. Die nächste Party kommt schon.

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