Phoenix – Alphabetical

am

Mai 2004:

Vier Kerle. Ein Studio. Instrumente. Eine Schreibmaschine.

Vier kreative Kerle. Musik und Texte.

Franzosen im kreativen Höhenflug.

Nach ihrem Vorgängeralbum United von 2000 hatte man die Hoffnung fast verloren, es könnte noch einen Nachfolger geben. Schon viele Bands sind am plötzlichen Erfolg – vor allem wenn er überraschend kam – zerbrochen.

Doch jetzt ist es endlich soweit. Der Vorgänger verband Rock und Blues, Soul und Country. Er war tanzbar und ließ einen träumen. Die Schule ist aus, die Sommerferien warten, und falls ich mich jemals besser fühlen werde, ruf mich an.

Jetzt gehen wir das ganze alphabetisch an. Was immer das heißen soll. Sicher ist: Dieses Album muss wachsen. Wo die Vorabsingle und Song Nr. Eins Everything is Everything scheinbar im Stile des Vorgängers weitermacht und mich in den Laden zerrt, geht es danach weniger automatisch begeistert weiter. Aber im Gegensatz zu Franz Ferdinand fräsen sich Phoenix dann doch recht schnell ins Gehirn. Denn …

… was sie hier veranstalten ist …

… faszinierend.

Versuchen wir es zu verstehen. Hier sind vier Menschen, Männer, die mit der mehr oder weniger klassischen Rock- und Pop-Instrumentierung Bass, Keyboard, Gitarre, Stimme und eingekauften Drums Songs bauen, die statt Rock zu sein, R’n’B sind, Soul, Blues, Funk, … oder sogar eine seltsame Variante von HipHop

Häh? HipHop? Ja, instrumental produzierte HipHop-Beat-Gerüste und Gesang auf dem Weg zum Sprechen. Oder, … ?!

Alles beginnt mit dem funky bootyshaking Everything is Everything. Drums, Gitarre, Keyboard und eine – die typisch – leicht verzerrte Stimme von „Thomas Mars“ begleiten uns durch diesen vom Gesang her gemächlich, von der Instrumentierung anregend schnell dahincruisenden wunderbaren Popsong. Die Gitarre begleitet uns dann allein zu Beginn von Run Run Run. Ruhig dahinplätschernd vom Keyboard begleitet liefert der Bass ein Rhythmus-Gerüst, das mit dem wiederholten Run Run Run Run, Falling Falling Falling Falling zu ersten Mal massiv die Frage erscheinen lässt, was dieser Bastard hier eigentlich sei. Rockpop oder HipHop, Blues oder R’n’B. Wir werden langsam vom Stil des letzten Albums weggeführt. Die Verwirrung wird vor allem gespeist durch das kongeniale Zusammenspiel von Keyboard(s) und Bass. Die Melodie scheint im Vordergrund zu spielen und ist doch gleichzeitig nur Unterstützung des Gesamtkunstwerks.

I’m an actor ist dann endgültig da angekommen, wo die Instrumente in erster Linie einen Beat für den Gesang liefern – und man sich fragt, ob das nächste Album vielleicht gar ein echtes HipHop-Album wird. Und man muss sich reinhören. Es ist nicht der Song, wo man sofort auf die Tanzfläche stürmen würde, doch im Laufe fängt man immer mehr an mitzunicken – und zwischendurch verwundert zu stocken, weil man nicht versteht, was Background-Vocals und Keyboards im Hintergrund für seltsame Dinge veranstalten.

Love for Granted liefert dann eine glasklare Gitarrennummer – countryesk, folkig –, also scheinbar altbekannt, es lässt ruhig genießen, man treibt dahin. In der Sicherheit einer großen Popplatte, die selbst den alternativen Musikmagazinen Rätsel aufgibt, denn was sie zu Alphabetical schreiben, … Schwamm drüber.

Aber zurück zur wilden Mischung aus einem scheinbaren Beatgerüst und … und was eigentlich. Victim of a Crime muss man sich wieder erst erkämpfen. Es verwundert, lässt einen Staunen mit einem ganzen Drum-Gewitter. Doch bereits beim zweiten Mal, möchte man es am liebsten den ganzen Tag hören und mit einem breiten Grinsen durch die Straßen laufen; … so war es auch schon bei If I Ever Feel Better und Summer Days vom ersten Album.

Das Lächeln auf dem Gesicht festigt sich bei (You can blame it on) Anybody. Das Sommeralbum 2004 gewinnt endgültig an Fahrt – und ist doch schon halb vorbei, aber … das ist wirklich kein Problem. Dieses Album wird für mich den Sommer 2004 verkörpern, wie United es 2001 tat.

Lassen wir die restlichen vier Songs mit der Bemerkung ruhen: Auch sie haben die absolute Oberklasse der bisherigen sechs.

Phoenix liefern erneut einen Bastard, der zwischen den Genres nicht hin- und herhüpft, sondern sich in ihnen allen gleichzeitig festsetzt. Die Popper werden dies Album ebenso mögen, wie die Electronic-Techno-Beat-Clubculture-Freaks, selbst die Rocker werden sich seinem Reiz nicht entziehen können.

OK, also in allen Genres, aber was ist es nun? Ist das nicht egal? Nein? Reicht Pop? Nein? OK, die erste Assoziation die ich hatte: Van Morrison. Total falsch, weil Phoenix nun wirklich überhaupt nicht klingen wie Van Morrison. Aber, die Idee ist insofern nicht ganz falsch, da White Boys don’t have the Soul/the Blues. Wäre Van Morrison heute jung, klänge er u. U. ebenso. So funky, so R’n’B, so voller Seele, voller Blues. Wäre das Möglich?

Ja. Deshalb. Anhören, oder ich werde böse, garstig, grantig. So richtig. Klar!?

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