Grace Jones – Hurricane

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Model, Schauspielerin, Sängerin, Ikone. 60 Jahre alt, 20 Jahre Pause. Grace Jones. Ein Kraftwerk’sches Model, das ebenso als Roboter inszeniert oder wahrgenommen wurde. „Hurricane“, das Comeback-Album, das eben das nicht ist, sondern vielmehr die selbstbewusste Lautmeldung einer Frau, die einfach mal wieder Lust hatte, mit alten Freunden (Sly Dunbar, Robbie Shakespeare, Tony Allen) und jungen Bekannten (Tricky, Banksy) sowie unter Assistenz von Brian Eno Musik zu machen, ein Album zu produzieren … oder mal wieder etwas in der Öffentlichkeit zu stehen.

Das entstandene Werk „Hurricane“ erstreitet das Urteil, einfach gut zu sein. Im heimatlichen Jamaica schuf Jones mit allen Mitwirkenden ein unspektakuläres Album, das aber gerade deshalb durchaus das Zeug hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Basierend auf Reggae der Heimat, zehrend aus dem Bass, dem Herzschlag dieser Musik, der eben auch dem Rhythmus des menschlichen Blutflusses gleicht, präsentiert Grace Jones ein Album, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. In ähnlicher Form hätte dieses Album seit den frühen 1970er Jahren jedes Jahr erscheinen können. Von der Quelle, die der Reggae für Filmmusik, HipHop, Wave, IDM, TripHop war, drei Jahrzehnte entfernt, nehmen die Produzenten und Musiker um die Künstlerin von jedem Abzweig einige wenige Tropfen und vermengen sie mit Grace Jones Gesangs-Inszenierung, die der Maschine Seele verleiht. „Hurricane“ klingt entsprechend nach allem sowie nach nichts, es ist tatsächlich für jeden Popmusikhörer gemacht, es sticht nicht heraus und glitzert doch reizvoll für viele.

„Love You To Life“ kann – wie fast jeder andere Track des Albums – als Maßstab gelten. Einerseits vollkommen unterkühlt eingesprochen, dagegen aber eben auch voller karibischer Seelenwärme Mut machend. Uneindeutig tritt diese tropische Zyklone auf. Abweisend eingeigelt, einladend offen, zeitkritisch – siehe „Corporate Cannibal“ – aber immer mit Interpretationsspielraum. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich zum Beispiel der Track „Sunset Sunrise“ zu einem popmusikalischen Klein-Meisterwerk, an dem neben Multitalent Jones vor allem die Rhythmussektion und hier noch mal besonders die Percussion Anteil hat.

Die am häufigsten auftauchende Referenz bildet sicherlich der TripHop, was nicht erstaunt, gehörte Tricky doch zur am gesamten Album beteiligten Band. In dieser Beziehung sind vor allem das abschließende, düster pochende „Devil In My Life“, der zudem reggae-infizierte Titeltrack, das zerbrechliche „I’m Crying (Mother’s Tears)“ und das maschinelle „Corporate Cannibal“ zu erwähnen. „Williams Blood“ dagegen tritt als abgelehnter James-Bond-Titelsong auf und „Well Well Well“ als (nahezu) reiner Roots-Reggae.

Allerdings gewinnt „Hurricane“ bereits in seinen ersten Takten. Zwischen früher Electronica, Reggaewurzeln, achtziger-Jahre-Ästhetik und anscheinendem Futurismus erledigt „This Is“ die Drecksarbeit, den Hörer vom Album zu überzeugen. Gelungen. Unspektakulär. Gut.

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