Skeletons – Money

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Nehmen wir an, wir befänden uns in einer, in der urbanen Hölle – wie zum Beispiel von Mira Calix „The Elephant In The Room: 3 Commissions“ vertont. Einen weiteren passenden Soundtrack dafür liefern Skeletons mit ihrem fünften Album „Money“ – ihrem ersten auf Tomlab. Hupende Autos und das Staccato von Pianoanschlägen greifen die Stimmung auf, geben den Takt des Chaos vor.

Der Jazz-Kraut-Desert-Rock-Wahn, den die vier Skelette Musik nennen, scheint wie der zeitgemäße Soundtrack zur Finanzkrise. Auf Gräbern tanzend ziehen Skeletons, die 2007 noch Skeletons and the Kings of All Cities hießen, einen hyperaktiven, heiß dampfenden Funkrockbraten aus dem Rohr.

„Money“ in Worte kleiden zu wollen, ähnelt dem Tanzen zu Architektur. Herkömmliche kompositorische Konstrukte wie Strophe und Refrain mögen sich irgendwo verstecken, in erster Line verlässt sich dies potthässliche Graffiti namens „Money“ darauf, als pure Energie genossen zu werden. Der Missklang wird zu Pop, es rumpelt und ruckelt, süßer Wohlklang (in „STEPPER a.k.a. Work“, „The Masks“ oder „Eleven (IT’LL RAIN!)“) dient der Destabilisierung des Hörers und der Weltordnung.

Zwischen Beck und Free Jazz platziert die Band diesen Bastard und ist sich nicht zu peinlich, Coltrane und Cobain als körpergetauschte Promoschreiber aus dem Jenseits zu bemühen. Schönheit als Chaos: So ließ sich der Vorgänger „Lucas“ bezeichnen, und das gilt noch immer. Skeletons beweisen – in aller partieller Unausgegorenheit und wieder nicht ohne kurze füllende Spielereien –, dass sie eine absolute Ausnahme bilden. Verwirrend vielschichtig, begeisternd brachial, virtuos und fast bahnbrechend steuert „Money“ auf seinen zehn Minuten dauernden Höhepunkt zu, „BOOOM! (Money)“. Hier kulminiert alles, dies ist der kathartische Moment. Es überschlägt sich, entflammt, geht in Rauch auf, stirbt und wird wiedergeboren. Rockende Einstellung und jazzige Virtuosität an den Instrumenten, Talent und nervend nasal gequetschter Gesang ergeben das Ende des Geldes, das doch gewinnt, rufen die erhitzte Atmosphäre einer fanatischen Diskussion hervor, die klangliche Sprengkraft eines musikalischen Kriegszustandes. Lautstärke und Kraft sind nicht das Geheimnis erschöpfender, intensiver Musik, Talent, kompositorischer Mut und der Wille, an den Rand zu gehen, taugen besser.

„BOOOM!“ endet im Chaos. Danach ist nur noch Aufräumen angesagt. Eine Arbeit, der sich die Band in melancholischer Leichtigkeit widmet („The Masks“), die sie hier in rückblickender Vollständigkeit erfüllt, um zum Abschluss („Eleven (IT’LL RAIN!)“) frisch, fromm, fröhlich und frei in die Zukunft blickend aus dem Album aufzubrechen.

Skeletons als Noise-, Rock- oder Pop-Band zu bezeichnen, täte ihnen unrecht, auch wenn sie und das Label es unter Umständen gerne sähen. Eigentlich handelt es sich bei der präsentierten Musik nur um eins: um Jazz.

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