Mira Calix – The Elephant In The Room

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Ob „The Elephant In The Room: 3 Commission“ wirklich ein „wunderbarer Kelch“ ist, wie es Chantal Passamontes Künstlername andeutet? Eine vorläufige Assoziationskette läse sich eher: Mira Calix, Miraculix, Troubadix. Weniger untalentierte Bardin als Ehrfurcht gebietende musikalische Druidin, dürften Mira Calix zweite „3 Commissions“, ihre zweite Sammlung von Auftragsarbeiten, bei nicht wenigen potentiellen Hörern solch vielfältige Symptome auslösen wie Ermüdung, Tinnitus, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe und Angstzustände. Avantgarde halt, oder: wenn Laptop-Musiker zu Violine und Cello oder gar ins Orchesterfach wechseln. Fieldrecordings und Streicher gibt Mira Calix stetig rührend hinein in ihren bitteren musikalischen Zaubertrank, der ebenso fasziniert, wie er abstößt und verstört.

Ausschnitte dreier Projekte aus dem Jahre 2007 – zwei Opern und ein Klangentwurf zur Begleitung einer Videoinstallation – bilden „The Elephant In The Room: 3 Commissions“. Drei verschiedene Ursprünge, drei unterschiedliche Ansätze und doch erscheint der Ablauf auf „The Elephant In The Room: 3 Commissions“ ein harmonisches – so weit dieses Wort angewendet werden darf – Ganzes. Im Zentrum stehen und das Album teilen die beiden Tracks, die Erinnerungen besagter Videoinstallation sind.

Zuvor und danach wechseln Ausschnitte der zwei Opern sich ab. Vorher: einerseits „roundabout“ und „bowling4strings“, andererseits „wedding list (scene 4)“ und „the cord is cut (scene 6)“. Erstere, schwer an Feldaufnahmen des täglichen städtischen Wahnsinns sowie seiner kleinen Erleichterungen – Bowling ist dem Klang nach wörtlich zu nehmen –, setzen eine düstere, eine verzweifelte Stimmung. Ist „roundabout“ mehr Klangkunstwerk als Musik, vermögen die Streicher in „bowling4strings“ eine schwere mentale Bedrückung zu verursachen. Eine düstere, schwermütige, bedrohliche Atmosphäre, die „wedding list“ und „the cord is cut“ aufrecht erhalten. „wedding list“, orchestral gehalten, und „the cord is cut“ – mit synthetischem Flirren versetzt, zwischen Zahnarztbohrer und Heuschreckenschwarm – rahmen „bowling4strings“ geschickt ein.

Zur Mitte dann die Erinnerungen „memoryofamomentcertain“ und „memoryofamomentlost“. Ruhe, Frieden, Vogelgezwitscher, Streicher. Aufbrechend, unheilsschwanger, optimistisch, bedroht. Ein Licht, … doch es flackert, das war der sichere Moment. Streicher, zischende Synthesizergeräusche, Nostalgie, ein wenig Trauer, der verlorene Moment. So zentral positioniert bilden die Erinnerungen eine Erleichterung, bevor mit „death below (scene 11)“ der Tod unter uns zu wispern beginnt, und in „laine“ über zehn Minuten das Cello unsere tiefsten Sorgen in Töne fasst. Panik und Verzweiflung und Fatalismus.

Das Ende von „The Elephant In The Room: 3 Commissions“ ist Applaus, der Applaus am Schluss von „a ribbon forgotten (scene 12)“. Amy Frestons Sopran lässt eine klerikal folkloristische Melodie erklingen, flüsternd rauschend erscheinen Störer, erklingen die bekannten atmosphärisch dichten Streicher. Schwirren, Raunen, Ungeduld, nach zehn Minuten, Radiorauschen, Ende.

Applaus.