Keane – Perfect Symmetry

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Ist es nicht schön, in den folgenden Zeilen zu lesen, wie der Rezensent am neuen Keane-Album „Perfect Symmetry“ genau das loben wird, was er an Coldplays Bestseller „Viva La Vida“ kritisiert hat? Wobei: Das ist falsch. Es muss allein nur zugestanden werden: Im Angesicht von Kitsch, versuchtem Anspruch und teilweise schon eher seltsam anmutenden lyrischen Ergüssen, steht „Perfect Symmetry“ am Ende deutlich besser da als „Lebe das Leben“. Das gilt, obwohl Keane auf ihrem nunmehr dritten Album den Pop ganz groß schreiben, den Stadionpop, bei dem hunderttausende mitsingen – oder -gröhlen –, bei dem wohlige Schauer Gänsehäute verursachen, bei dem Feuerzeuge den Horizont zum Glühen bringen. Es trifft selbst zu, wenn die Texte zwar hoch zielen und doch nur peinlich tief stürzen.

Zu sagen, Keane schüfen auf „Perfect Symmetry“ ein Pop-Album zwischen Coldplay und 80er-Jahre-Revival, träfe nicht mal den äußeren Ring der Zielscheibe. Natürlich sprechen die neuerdings vier Keane’ians die gleiche Zielgruppe an wie Coldplay, und ebenso sicher stand der Stadionpop der 80er Jahre, standen vor allem U2 und Simple Minds, Pate für das dritte Keane-Album, aber die Qualität des präsentierten Pop geht über eine solch einfache Beschreibung weit hinaus. Der pure, alternative Klavierklang des Debüts ist endgültig passé, Synthesizer und Gitarre unterstützen das Piano oder lösen es sogar ab, ohne es vollkommen an den Rand zu verbannen. Der Klang mag ein poppigerer, ein (noch) massentauglicherer sein, im Kern finden sich hier doch die gleichen Qualitäten wie auf „Hopes And Fears“. Folgerichtig werden diejenigen, denen das Debüt schon zu glatt, zu süßlich, gar pathetisch erschien, „Perfect Symmetry“ noch weniger mögen. Pop und Kitsch gehen hier doch sehr selbstbewusst, sowie intelligent, Hand in Hand. Gleichzeitig werden jene, denen „Hopes and Fears“ wegen seiner leidenschaftlichen Dichte, seiner gelungenen Verbindung von eigenständigem Klang, eingängigen, doch vielseitigen Kompositionen und emotional ansprechenden Texten wichtig wurde, unter Umständen (erneut) enttäuscht werden. Eine Enttäuschung, die aufgrund falscher Erwartungen durchaus nachvollziehbar, doch eigentlich aus subjektiver Objektivität vollkommen fehl am Platz erscheint. Selbst eine Xiu Xiu und Final Fantasy bevorzugende Gasthörerin meint, „Perfect Symmetry“ sei frappierend gut.

Tim Rice-Oxleys Songwriting schafft auf „Perfect Symmetry“ tatsächlich etwas perfektes, perfekten Pop, der intelligent und vielfältig daherkommt. Von einer Symmetrie aus Wohlklang zu sprechen, erscheint zweifelhaft, gilt Symmetrie – vor allem perfekte – landläufig als langweilig oder, noch besser, als Ästhetik für Doofe. Vorwürfe (langweilig und doof), die dem Album in keinem Moment zu machen sind. Ob jedoch der Band die negative Deutung des Titels bewusst war, darf bezweifelt werden.

Die Vorabsingle „Spiralling“, die das Album auch eröffnet, bildet einen Maßstab und einen Wegweiser für die „neuen“ – oder zumindest veränderten – Keane. Einerseits bieten Tom Chaplins Gesang und – durchaus mal verzerrte oder verfremdete – Piano-, bzw. Keyboard-Figuren vertraute Haltepunkte, andererseits stößt es den Hörer nach gerade vier Sekunden vor den Kopf, wenn das erste gut gelaunte „Whoop“ durch die Boxen schallt. Hinzu kommen nicht nur bei „Spiralling“ eine prominentere Rhythmus-Sektion und ein Gesang, der weniger nach Martin und Yorke klingt, sondern mehr nach sich selbst, oder aber, wenn Bezüge sein müssen, an Brandon Flowers erinnert. Vom Piano-Rock endgültig verabschiedet, widmet sich die Band mit Hilfe von Mark Stent und Stuart Price der Schaffung harmonischer Pophymnen, Ohrwürmern, denen sich zu entziehen mehr als schwer fällt. Den einen werden „Spiralling“, „Perfect Symmetry“ oder das herzerweichende „You Don’t See Me“ sofort packen, andere werden sich beim wiederholten Hören wundern, wie sich Melodien, Emotionen und Texte von hinten ins Gehirn und in die Gehörgänge eingefressen haben. Glitzernder 80er-Jahre-Pop mag das häufig sein, doch erscheinen „Again And Again“ oder insbesondere „Pretend That You’re Alone“ ebenso sehr als zeitlose Songs, die durchaus das Zeug haben, in zehn Jahren als Klassiker zu gelten.

„Perfect Symmetry“ zeigt eine Band, die mehr noch als ihre Genossen von Coldplay das Rezept für den perfekten Popsong kennt, die Emotionen in Melodien verpackt, die mit Wohlgefühl vollgestopfte Lieder schreibt, die wiederum in der Lage sind, die verschiedensten Hörerschichten zu erreichen. Wohlbehagen, Lebensfreude und Liebe als Lösung aller weltpolitischen Krisen spielen bei Keane vielleicht eine zu prominente Rolle, sicher fordert „Perfect Symmetry“ das Gehirn nicht genügend, doch dafür ist es Pop. Pop. Pop. Perfekter Pop, großartiger Pop, ein fantastisches Pop-Album.

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