Kanye West – 808s and Heartbreak

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In den Tiefen des weltweiten Web-Werkes findet sich die Aussage, „808s & Heartbreak“ sei Kanye Wests „Kid A“. Ein Vergleich, der sich anbietet und doch falsch ist. Ja, es ist sein viertes Album, ja, er macht etwas anders als zuvor und als seine Kollegen, nein, Qualität und Innovation bzw. Mut zu der selben reichen nicht für einen solchen Vergleich. Tatsächlich verzichtet Kanye weitgehend aufs Rappen – wobei, das konnte er nach einer weit verbreiteten Meinung eh noch nie – und versucht sich singend – wozu er definitiv noch weniger in der Lage ist – und verwendet dabei die Pest von Software namens Auto-Tune. Mag er diese noch so geschickt und zielgerichtet nutzen, führt das monotone Auto-Tune-Vibrato doch zeitnah zu geringfügigen Ermüdungserscheinungen.

Eigentliche Qualität und erneuernde Wirkung auf „808s“ findet sich vor allem in Beats und eingesetzten Sounds. Allerdings braucht es einige Zeit – oder möglicherweise sogar Hördurchgänge – bis (mehr oder weniger) alles zündet. Verzögert tritt die Wirkung auch aufgrund der unnötigen Features ein. Young Jeezy und Lil Wayne geben den Tracks keine zusätzliche Qualität und dienen allein als Marketingmittel. Es darf niemandem übel genommen werden, wenn er Kanyes neues Werk zunächst als vollkommen langweilig abtut. Die Albumeröffnung „Say You Will“ driftet ruhig und ohne große Spannung in unsere Gehörgänge. Nach gehobener Langeweile beim ersten Hören relativiert sich dieses erste Urteil bei wiederholtem Genuss. Nach fünf bedeutungsschwer-düster dröhnenden Sekunden erklingen die zwei Haupteigenschaften des Albums – Auto-Tune-modifizierter Kanye-Gesang und ein faszinierender, häufig monotoner Beat, der hier durch einzelne synthetische Bleeps, durch verstreutes rhythmisches Piepen begleitet wird.

Bereits bei „Say You Will“ wie auch bei der über dem ganzen Album hoch aufragenden Single „Love Lockdown“, aber ebenso bei anderen Tracks, stellt sich die Frage: Wie klänge das, wenn Kanye noch mutiger gewesen wäre, wie klänge es, wenn er die Streicher (in „RoboCop“), die choralen Spuren (in „Say You Will“) einfach weggelassen hätte, alles noch mehr reduziert wäre, oder aber, wie erschiene das Album, wenn er die Beats offensiver, aggressiver einsetzte, wenn die Bässe in „Love Lockdown“ die Energie ausströmten, die sie versprechen? Fragen über Fragen, die hoffentlich der ein oder andere (illegale) Remix klären wird – von Glitch bis Ghettotech sollten eigentlich viele Produzenten mit glühenden Fingern schon am Arbeiten sein.

Beats und Rhythmik der meisten Tracks, seien sie nun Elektropop oder Future-R’n’B oder an Disco angelehnt, beziehen sich stark auf eine ursprüngliche, natürliche oder aber rituelle, ritualisierte Beatkultur. Einerseits heißt das, sie können als Spiegelung eines Herzschlags wahrgenommen werden, weshalb der bessere Albumtitel unter Umständen „808s and Heartbeats“ gewesen wäre. So nähme er Rücksicht auf den Charakter der Rhythmen und ihrer Entstehung. Andererseits versuchen Kanye und Mitwirkende – natürlich nicht ohne ein gutes Maß Naivität und nicht ohne zu romantisieren – eine stammesrituelle oder naturverbundene oder traditionelle Struktur zu nutzen. Traditionell bezeichnet hier einen Bezug zur afrikanischen Abstammung, zur Sklavenvergangenheit, zur eigenen (Leidens-)Geschichte.

Besonders augenfällig bricht sich dies in „Love Lockdown“ Bahn, erscheint aber ebenso in den meisten anderen Tracks. Auch „Amazing“ beinhaltet diese Rhythmik, die sich – möglicherweise aufgrund des durchdachten Grundkonzepts – perfekt mit Kanyes verzerrten Auto-Tune-Vocals verbindet, allerdings mit Young Jeezys Raps doch eher wenig gemein hat. Dagegen wirkt Lil Wayne in „See You In My Nightmares“ schon besser platziert – weniger als Gegenpol zu Kanye als Ergänzung eines gemeinsamen Klangspektrums.

Zurück zur musikgewordenen Definition dieses Kanye-Albums, der Single „Love Lockdown“. Sie sticht weniger als der beste Track aus „808s“ heraus, als das sie tatsächlich als Charakterisierung des vertretenen, trägen und doch dynamisch pumpenden Elektropops reicht. Tiefste Pauken, rauschende, interferierende Drumcomputer und verzerrter Gesang mit reduzierter, aber zielführender weiterer Instrumentierung (hier Piano-Loops) führen zu einem magischen, transzendenten, aber ebenso regressiven Musikerlebnis. Über diese Beats ließen sich hervorragend Gottfried Benns frühe Gedichte aus dem Leichenschauhaus rezitieren. Spätestens, wenn in der letzten Minute die Pauken nahezu allein gelassen werden, tanzen die Ohren einen Freudentanz.

Umso erstaunlicher wirkt dann die ironische Brechung, die mit „Paranoid“ erfolgt – dem disco-orientierten Retro-Electro-Track, dem Tanzflächen- und Radio-Hit der im Moment seiner Auskopplung die Verkäufe des Albums spontan ankurbeln dürfte. In der folgenden zweiten Hälfte des Albums finden sich neben der verzerrten Future-R’n’B-Ballade „Streetlights“, dem routinierten „Bad News“ mit seinen gebrochenen Beat-Konstruktionen und dem siebenmillionsten Lil-Wayne-Feature „See You In My Nightmares“, über das wirklich wenig mehr zu sagen ist, die weiteren Höhepunkte dieses zumindest überdurchschnittlichen Albums. Zunächst – und vor allem – muss der Einstieg zu „RoboCop“ erwähnt werden. Inspiriert von einem heißen Anwärter auf den Titel des Jahres 2008 (Portisheads „Third“ bzw. insbesondere dem Track „Machine Gun“) entwickelt sich aus einem pochenden Drumcomputer-Szenario eine streichergetragene Elektropop-Hymne, die mit massivem – fast adventlichem – Streichereinsatz den düsteren Grundcharakter der Drumprogrammierung ausgleicht. Den Abschluss des Albums – und der grottenschlecht aufgenommene Live-Bonustrack gehört definitiv nicht zu „808s & Heartbreaks“ – macht „Coldest Winter“. Zunächst klingt es wie eine weitere der ruhigen „Heartbreak“-Nummern (im Stile von „Say You Will“ oder „Streetlights“), mit den verrauschten Phasen, dem aggressiven Beat und den Keyboard-Takten gewinnt das Ganze aber eine sehr spezielle, eine Abschied nehmende und doch aufbrechende Atmosphäre.

Was dem epischen „Say You Will“ in den fünfzig Minuten auf „808s & Heartbreaks“ folgt, erstaunt, begeistert, verwirrt, langweilt potentiell und ist doch absolut gelungen. Der Kassenerfolg darf durchaus angezweifelt werden, und fraglich scheint ebenfalls, ob „808s“ in zwanzig Jahren im Rahmen der Hits der 00er, 10er und 20er Jahre vorkommen wird. Gut möglich jedoch ist die Erwähnung des Albums als Bezugspunkt für dann aktuelle Newcomer.

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