David Byrne & Brian Eno – Everything That Happens Will Happen Today

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Bei der Betrachtung von David Byrnes und Brian Enos „Everything That Happens“ den einen – Byrne – auf seine Vergangenheit als Sänger der Talking Heads und Brian Eno auf Ambient sowie seine Produzenten-Tätigkeit für U2 und eben jene Talking Heads zu reduzieren, wirkt relativ platt, doch fasst eine solche Vereinfachung den Kern, die Kernbestandteile des Albums. Byrne, für die Texte und Melodien verantwortlich, und Eno als Produzent des … Umfelds – des Ambientes – schaffen ein vordergründig seichtes, real aber gefangen nehmendes Pop-Album. Eno und Byrne bezeichnen in den Linernotes „Everything That Happens“ als Electro-Folk-Gospel-Country. Byrne merkt weiter an, er habe die Gefühle, die Geschichten, die Enos ursprüngliche Tracks in ihm hervorriefen, artikulieren wollen. Ein Ansinnen, das mit Enos – hier erneut formuliertem – Wunsch, Musik zu schaffen, die den Hörer einlädt, ihm einen Raum – zum Leben, zum Wohlfühlen – in sich, in der Musik bietet, kongenial einhergeht.

Diese perfekte Verbindung zweier einzigartiger Musiker leidet dennoch an zwei – kleineren – Krankheiten. Zum einen – vielleicht dem Wunsch, den Hörer einzuladen, geschuldet – wirkt vieles zunächst seicht oder, überspitzt formuliert, anbiedernd und billig. Hinzu kommt – unter Umständen nur als zweites Symptom der gleichen Erkrankung – ein subtiles Gefühl, diesen oder jenen Song in anderem Gewand, von einem anderen Künstler bereits gehört zu haben. Insbesondere „Home“ ruft 70er-Jahre-Schlager-Pop/Pop-Schlager-Assoziationen hervor, der Titeltrack erscheint als Wiedergänger eines nicht näher zu bezeichnenden (Kult-)Klassikers, „The River“ war doch schon von Antony oder Rufus zu hören und „Life Is Long“ ist doch eigentlich ein Tom-Petty-Song. All dies trifft vermutlich nicht zu, werden doch mehr oder weniger nur Eno und Byrne als Songwriter angeführt.

Spricht dieses Wiedererkennen für die These, es handle sich um eine elektronische Interpretation klassischen Gospels oder Countrys? Würden Gospel und Country als Vorläufer des nun knapp 60jährigen Genres Pop gesehen, lautete die Antwort ja, ansonsten ist diese Klassifizierung nicht überall und überhaupt nicht zwangsweise zu erkennen. Die treffendere Bezeichnung scheint also einfach elektronischer – durchaus ambienter – Pop zu sein.

Elektronisch schlageresk und somit gewöhnungsbedürftig steht „Home“ am Anfang des Albums. Hier und im Folgenden sorgt Byrnes nasal quengelnder, häufig hoher und manchmal glatt gebügelter Gesang je nach Geschmack für Begeisterung oder … „Ekel“. Zurück gelehnt und gefällig, unaufgeregt und ohne allzu große Hörherausforderung setzt „My Big Nurse“ das Album klassisch folkig-poppig fort. „I Feel My Stuff“ mit seinen sechs Minuten verdüstert die Stimmung. Nur Byrnes Gesang und einzelne Klaviertöne hellen sie auf. Durchaus fordernd erinnert es an progressiveren Pop vergangener Jahrzehnte. Einer der Tracks, die den Vorwurf der Anspruchslosigkeit kompensieren und verdeutlichen, dass „Everything That Happens“ zwar als einfaches Popalbum erscheint, aber viel mehr zu bieten hat, was auch für den zunächst so vertraut klingenden Titeltrack gilt. Dieser, „One Fine Day“ und auch „Life Is Long“ treten als Pophymnen an den Hörer heran. Vor allem letzterer penetriert den Gehörgang als echter Ohrwurm. Bläserarrangements und Enos Multinstumentalität machen ihn zudem zeitlos. „Wanted For Life“ und der in ihm eingesetzte Drumcomputer wirken etwas angestrengt und strengen somit an, ähnlich ergeht es dem Spacefunk „Poor Boy“.

Tief verwurzelt in der Historie des Pop, diese weniger fortschreibend als aus ihr schöpfen wollend, schaffen Eno und Byrne ein forderndes, aber dafür auch belohnendes Pop-Album, das leicht einen falschen, einfachen Eindruck erwecken mag. So gelingt ihnen jedoch zudem tatsächlich, den Hörer in die Musik einzuladen, ihm eine Heimat zu geben, sowie Emotionen in ihm zu wecken. Verdammt viel, für ein einfaches Pop-Album.

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